Russland drängt schon seit Jahren darauf, eine neue Pipeline nach China zu bauen, um seinem Verbündeten Erdgas im Wert von mehreren Milliarden Euro zu liefern. Doch auch beim Besuch in Peking konnte der russische Präsident Wladimir Putin am Mittwoch kein endgültiges Abkommen für die Pipeline "Kraft Sibiriens 2" unterzeichnen. Beide Seiten hätten zwar eine "grundlegende Übereinkunft" erzielt, aber einige Details und der Zeitplan seien noch unklar, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow.
Die geplante Pipeline-Trasse ist 2.600 Kilometer lang und soll von der Halbinsel Jamal in Nordsibirien durch die Mongolei bis nach China führen. Durch diese Leitung könnten jährlich rund 50 Milliarden Kubikmeter Erdgas transportiert werden. Das wären etwa zwölf Prozent vom aktuellen Gesamtgasverbrauch Chinas. Für Russland ist das Projekt noch wichtiger geworden, seit Europa wegen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine deutlich weniger Gas aus Russland kauft. Außerdem wurden die Nordstream-Pipelines in der Ostsee, über die russisches Gas nach Deutschland floss, im September 2022 bei einem Anschlag schwer beschädigt und sind seither außer Betrieb. Die Gasvorkommen auf Jamal versorgen die EU aber weiterhin über Flüssigerdgas-Lieferungen, deren Einfuhr erst ab 2027 verboten ist.
"Für Russland geht es um eine strategische Lebensader, nachdem es den Großteil seines europäischen Gasmarktes verloren hat", sagt Alexander Korolev, Politikwissenschaftler an der Universität UNSW in Sydney. "Für China geht es bei der Pipeline um Energiesicherheit und Einfluss. Sie diversifiziert die Versorgung." Damit werde China unabhängiger von Lieferungen auf dem Seeweg, wo es wie derzeit wegen der Blockade der Straße von Hormus zu Engpässen kommen kann.
Eine erste Gaspipeline von Russland nach China, die "Kraft Sibiriens 1", ist bereits seit 2019 in Betrieb und hat eine Kapazität von rund 38 Milliarden Kubikmetern pro Jahr.
Trotz vieler Bemühungen Moskaus, das wegen des Ukraine-Kriegs dringend auf Einnahmen angewiesen ist, zögert Peking weiterhin mit dem Projekt, das Putin schon 2006 vorgeschlagen hat. Der Bau hat immer noch nicht begonnen, obwohl der russische Gaskonzern Gazprom im Vorjahr einen 30-jährigen Liefervertrag mit der China National Petroleum Corporation (CNPC) unterschrieben hat. Die Verhandlungen laufen hinter verschlossenen Türen, aber ein Knackpunkt dürfte der Preis für das russische Gas sein. Chinas Haltung zu dem Projekt sei jahrelang gewesen: "Wenn es klappt, großartig, wenn nicht, kommen wir auch ohne zurecht", sagt Alexei Gromow, Leiter des Instituts für Energie und Finanzen in Russland.
Jetzt könnte aber neuer Schwung in die Sache kommen. Moskau hofft, dass die durch den Krieg in der Golfregion und die Sperrung der Straße von Hormus gestiegenen Energiepreise die Pipeline für Peking attraktiver machen. "Die aktuelle Krise könnte die Chancen für den Bau der Pipeline 'Kraft Sibiriens 2' erhöhen", sagt Natasha Kuhrt, Dozentin für internationale Friedens- und Sicherheitspolitik am King’s College in London. Allerdings "liegen alle Trümpfe in den Händen Chinas", das "in Bezug auf den Preis unnachgiebig sein wird", meint sie. Sie erinnert auch daran, dass der Bau der ersten Pipeline "Kraft Sibiriens 1" rund zwanzig Jahre gedauert hat.
Analysten erklären die Zurückhaltung Chinas damit, dass Peking nicht zu sehr von einer einzigen Quelle abhängig sein will. Seit der Westen Sanktionen gegen Russland verhängt hat, kauft China das dadurch billigere russische Öl aber in großen Mengen. Auch beim Erdgas hat die Volksrepublik in den ersten drei Monaten des Jahres um rund zwei Milliarden Euro aus Russland importiert – dreimal so viel wie im Vergleichszeitraum 2022.
Die russischen Energieverkäufe an China seien der "stabilste" Teil der politischen, militärischen und wirtschaftlichen Beziehung, die sich in den letzten Jahren zwischen den beiden Ländern entwickelt habe, sagt Korolev. Sollte die Pipeline "Kraft Sibiriens 2" tatsächlich gebaut werden, würde das die gegenseitige Abhängigkeit zwischen zwei der wichtigsten Weltmächte weiter verstärken. Das wäre auch ein Signal an den Westen, ist der Politologe überzeugt: Dass Russland "nicht isoliert ist und weiterhin große Infrastrukturprojekte erfolgreich umsetzen kann".