Riesen-Skandal in Laatzen bei Hannover (Niedersachsen). Schon seit Monaten erhielt das Personal der Seniorenresidenz angeblich keine Gehälter mehr. Bis zuletzt wurden die Mitarbeiter von der Geschäftsführung mit der Aussicht auf eine Auszahlung bis 31. März vertröstet.
Als diese ausblieb zog die Heimaufsicht der Region Hannover die Notbremse: Weil die Versorgung der Bewohner nicht mehr sichergestellt sei, wurde das Heim per 1. April geschlossen. Für die Bewohner ein schlechter Scherz: Sie mussten innerhalb von weniger als 24 Stunden eine neue Bleibe finden.
"Es ist das reine Chaos, alle verlassen fluchtartig das Heim", erzählt ein 78-jähriger der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (HAZ) bei einem Lokalaugenschein Mittwochfrüh. Er hatte erst Dienstagabend bei einem Besuch bei seiner Frau erfahren, dass bis 14 Uhr am nächsten Tag alle draußen sein müssen. Alle 59 Bewohner der 153-Betten-Einrichtung sind betroffen.
"Was hier passiert, ist der Horror", stimmt ihm eine Frau zu, deren Mann Schlaganfallpatient ist. "Mein Mann sitzt oben im Zimmer und heult". Viele andere sprechen ebenfalls von einem "Horror" und einem "Super-GAU".
Mittwochvormittag spielen sich dramatische Szenen ab. Angehörige schleppen Koffer, Taschen und Kartons aus dem Gebäude, während pflegebedürftige Senioren in Rollstühlen oder mit Gehhilfen auf ihre Abholung warten.
Weil die Angehörigen erst Dienstagabend informiert wurden, blieb kaum Zeit, einen neuen Pflegeplatz zu finden. Telefonate, Absagen, Unsicherheit. "Keine Ahnung, wo er heute schlafen wird", sagt eine Frau verzweifelt über ihren Bruder.
Einige Bewohner fanden kurzfristig Plätze in anderen Einrichtungen, viele Familien suchten jedoch weiter verzweifelt nach Lösungen.
Wie es so weit kommen konnte, ist vielen ein Rätsel. Schon seit Monaten sind die finanziellen Schwierigkeiten des Betreibers Ambiente Care bekannt. Mitarbeiter sollen bereits seit Februar kein Gehalt mehr erhalten haben. Das Unternehmen sei "offenbar insolvent", berichtet die "HAZ". Mehrere Standorte wurden zuletzt geschlossen, zudem soll es Probleme mit Lieferanten gegeben haben - selbst wichtige Pflegeartikel wurden knapp.
Für Dienstag, den 31. März, war ihnen noch Hoffnung gemacht worden, dass der Betrieb weitergeht. Doch genau an diesem Tag kippte die Lage: Am Nachmittag fiel die Entscheidung zur Räumung. Für die Heimaufsicht war die "Versorgungslage nicht mehr gesichert".
Trotz der schwierigen Lage zeigen die Pflegekräfte Einsatz. Viele kamen weiter zur Arbeit, kümmerten sich um die Bewohner und halfen bei der Organisation der Abreise. Kritik richtet sich daher vor allem gegen den Betreiber, der für Stellungnahmen nicht erreichbar war.
Die Situation ist für viele Familien eine enorme Belastung. Stadt, Heimaufsicht und Einsatzkräfte arbeiten daran, für alle Betroffenen rasch neue Plätze zu organisieren. Eine Frau, deren Bruder im Rollstuhl sitzt, weiß nicht weiter.
Wo ihr Bruder wohl am Mittwochabend schlafen wird? "Keine Ahnung", sagt sie schulterzuckend. "Hier ist keiner mehr, der ihn versorgen könnte." Mit mehr Vorlaufzeit hätten sie sich um einen Platz kümmern können, ergänzt ihr Mann laut "HAZ". Für seinen mit 115 Kilogramm als adipös geltenden Schwager sei es schwer, diesen zu bekommen.