Eigentlich könnte sie in Italien am Strand sitzen, die Sonne genießen und sich über ihre Pension freuen. Stattdessen kümmert sich Melitta Barth um fünf Kleinkinder. Die 63-Jährige arbeitet als Tagesmutter beim Wiener Hilfswerk. Ihr Traumjob, wie sie betont.
Vor zwei Jahren hätte die Wienerin ihre Pension bereits antreten können. Doch dazu kam es nicht: "Zuerst hatte ich ein entwicklungsverzögertes Kind und habe versprochen, es bis zum Kindergarten zu begleiten. Dann kamen andere Anfragen rein und schlussendlich wurde ich Großmutter. Also habe beschlossen weiterzumachen", erinnert sie sich.
Seit zehn Jahren ist Barth als Tagesmutter tätig. Nach einer kaufmännischen Ausbildung arbeitete sie lange Zeit als Kostümbildnerin. Als sie Mutter wurde wechselte sie ins Catering-Business. Eine Freundin machte die Zweifach-Mama schließlich auf den Berufszweig der Tagesmutter aufmerksam.
Eine gute Entscheidung, weiß sie heute: "Ich habe schon vieles gemacht in meinem Leben, aber noch nie so viel positives Feedback bekommen. Ich besitze eine ganze Kiste an Dankschreiben, das ist herzerwärmend."
Fakt ist jedoch: Noch immer gibt es zu wenig Tagesmütter und Tagesväter in Wien. Der Bedarf in Wien ist weiterhin hoch und übersteigt das Angebot, bestätigt das Hilfswerk. Man beobachte vor allem eine steigende Nachfrage nach flexiblen, familiennahen Betreuungsformen – insbesondere für Kinder unter drei Jahren. Besonders herausfordernd sei es, die Menschen langfristig im Beruf zu halten. "Sind einem Karriere und Image wichtig, ist es nicht der richtige Job", weiß Barth. Auch reich werde man damit nicht. "Aber es ist einfach sinnerfüllt."
In den zehn Jahren als Tagesmutter hat die rüstige Wienerin schon vieles erlebt, war "Therapeutin" und Seelentrösterin: "Ich habe einmal ein Kind betreut, dessen Eltern in Trennung waren. Nach zwei Jahren hier sind sie wieder zusammengekommen", erzählt sie stolz. "Es entsteht einfach eine enge Bindung, mit vielen bin ich auch nach der Betreuung in Kontakt."
Sei es ein Kaffee für die Mama nach einem stressigen Arbeitstag oder das Verständnis für einen Papa, der aufgrund des Jobs immer wieder zu spät kommt – für Melitta Barth kein Problem. "Macht's euch keine Sorgen", lautet ihr Motto. Mit Tränen in den Augen erinnert sie sich an eine Szene: "Eine Mama hat mich gebeten, ob sie am 24. Dezember kommen könnte. Ihre Tochter, die seit drei Jahren nicht mehr bei mir war, hat mir etwas zu Weihnachten gebastelt und wollte es mir persönlich geben. Das war wirklich schön."
40 Kinder betreute Melitta Barth in ihren zehn Jahren als Tagesmutter. Doch im Herbst soll nun endgültig Schluss sein: "Mein Sohn wird meine Wohnung übernehmen und ich gehe vielleicht nach Italien." Eines steht fest: Langeweile wird es keine geben – auch nicht in der wohlverdienten Pension.