Annelie Leitner köpfte Aufsteiger Logroño in der 101. Minute gegen Real Madrid zum Klassenerhalt – ihr ganz persönlicher "Kalajdzic-Moment". Sasa Kalajdzic rettete Österreich im WM-Gruppenfinale gegen Algerien am Sonntag mit dem Kopfball zum 3:3 ins Sechzehntelfinale. Dort heißt der Gegner der Männer am Donnerstag Spanien.
Im "Heute"-Interview blickt Österreichs einzige Spanien-Legionärin nun auf den WM-Kracher gegen ihre Wahlheimat – und verrät, wie Superstar Lamine Yamal zu stoppen ist.
„Ich spiele im Land der Weltmeisterinnen“Annelie LeitnerIm "Heute"-Talk
"Ich spiele im Land der Weltmeisterinnen, Vize-Europameisterinnen und gegen Champions-League-Siegerinnen. Das Niveau ist unglaublich hoch und die Liga wird jedes Jahr kompetitiver. Und trotzdem glaube ich, dass viele in Österreich meine Geschichte gar nicht kennen", erzählt die 30-Jährige.
Leitner kickt seit sechs Jahren in Spanien. Letzten Sommer wechselte sie von Eibar zurück zu Logroño, das soeben den Aufstieg in die Primera Division fixiert hatte. "Am Anfang haben wir gelitten. Aber dann ist diese Saison viel aufgegangen." Die Hauptstadt der Provinz La Rioja im Norden des Landes wähnen viele Fans nicht auf ihrer Fußball-Landkarte – weil die Stadt mit rund 150.000 Einwohnern eines der wenigen Frauenteams beheimatet, das nicht an ein berühmtes Männerteam gekoppelt ist.
Die ÖFB-Legionärin ist absolute Stammspielerin, stellt sich als Linksverteidigerin gegen "Ballon d'Or"-Siegerinnen wie Aitana Bonmati oder Alexia Putellas (beide Barça) und glänzte zuletzt im Abstiegskampf in drei Spielen in Folge als Torschützin. Das große Highlight: der 1:1-Ausgleich gegen Real im Kalajdzic-Stile. "Bei mir blieb sogar noch weniger Zeit bis zum Abpfiff. Es war einfach ein Moment purer Euphorie", erinnert sich Leitner an ihren Kopfball.
„Man muss Yamal auch mental beschäftigen“Annelie Leitner
Jetzt erlebt Leitner hautnah mit, wie in ihrer zweiten Heimat auf das WM-Duell gegen Österreich geblickt wird. "Natürlich rechnen hier alle damit, dass Spanien gewinnt", erzählt sie. Das große Gesprächsthema seien derzeit allerdings weniger die Österreicher als vielmehr die angeschlagenen Stars wie Lamine Yamal oder Nico Williams. Interessant findet sie vor allem eine Aussage von Teamchef Luis de la Fuente: "Er hat gesagt, dass ihm europäische Gegner lieber sind als Mannschaften aus anderen Kontinenten." Das Aus von Deutschland und den Niederlanden sowie der lange Rückstand von Brasilien hätten aber auch die Iberer als Warnung wahrgenommen.
Superstar Yamal soll rechtzeitig für das K.o.-Spiel fit werden. Leitner muss als Außenverteidigerin selbst regelmäßig gegen die besten Dribblerinnen der Welt bestehen. Ihre wichtigste Erkenntnis: "Man darf solche Spieler nie alleine verteidigen." Im Eins-gegen-eins werde selbst sie gegen Weltklassespielerinnen regelmäßig überspielt. "Fußball ist ein Teamsport. Man muss den Angriff gemeinsam verlangsamen." Technisch sei ein Spieler wie Yamal kaum auszuschalten. "Man muss ihn auch mental beschäftigen", sagt Leitner. Es gehe darum, Angriffe zu verzögern, ihn zu stören und nie isoliert gegen ihn verteidigen zu müssen.
Trotz Spaniens Favoritenrolle traut sie Österreich eine Überraschung zu. "Gegen Argentinien hat Österreich gar nicht schlecht gespielt." Leitner hofft, dass Teamchef Ralf Rangnicks Elf das Pressing konsequent auf den Platz bringe und Spanien vielleicht "einen Tick zu selbstbewusst" auftrete.
Reisestrapazen und die Hitze in Kansas City schienen dem Nationalteam zuletzt zuzusetzen. Am Donnerstag wird in Los Angeles, unweit des kalifornischen ÖFB-Teamcamps in Santa Barbara, gespielt. Auch bei diesem Thema spricht Leitner aus Erfahrung. Als frühere College-Spielerin in Indiana, im mittleren Westen der USA, kennt sie lange Flüge in andere Klima- und Zeitzonen.
Wie groß sind die Auswirkungen wirklich? "Ich würde das Thema nicht zu hoch bewerten. Es spielt sich alles im Kopf ab. Mit einer professionellen Vorbereitung kann man den Körper schon in den Tagen vor der Reise darauf einstellen." Ein kleiner "Heimvorteil" sei aber möglich.
Apropos Heimvorteil: In Zukunft würde sich Leitner über mehr Unterstützung aus Österreich freuen. In jeglicher Hinsicht. "Ich hoffe, dass mehr Österreicherinnen den Sprung nach Spanien wagen. Viele lassen sich vom Schritt in die zweite Liga abschrecken, obwohl die auch unglaublich stark ist."
Der Stellenwert des Frauenfußballs wachse hier spürbar mit jedem Jahr: "Spiele werden auf DAZN liveübertragen. Die Zuschauerzahlen steigen. Clasicos sind schon jetzt komplett ausverkauft."
Dass in Logroño guter Fußball gespielt wird, Real etwa zwei Mal nicht über ein Remis hinauskam, wird nicht nur von Fans zu wenig registriert: "Für mich ist es nicht so leicht, mich für das Nationalteam zu empfehlen. Würde ich bei einer Adresse wie Valencia spielen, dann käme eine Einberufung wahrscheinlich schneller." Bisher lief Leitner acht Mal für das Frauen-Nationalteam auf, erzielte dabei drei Tore.