"Heute"-Interview zum Abschied

Theaterdirektor hört auf: "Loslassen ist nicht schwer"

Nach 20 Jahren an der Spitze der Josefstadt geht die Ära von Herbert Föttinger im Juni zu Ende. Danach wandert er mit seiner Frau nach Ägypten aus.
Sandra Kartik
21.05.2026, 06:00
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Er prägte das Theater in der Josefstadt 20 Jahre lang als Direktor, insgesamt 33 Jahre hat Herbert Föttinger die beliebte Wiener Bühne bespielt – "mehr als die Hälfte meines Lebens", betont er im "Heute"-Interview. Mit Ende Juni ist Schluss, der 65-Jährige übergibt das Zepter dann an seine Nachfolgerin Marie Rötzer.

"Es ist echt gut, dass es vorbei ist", lässt er keine Melancholie aufkommen. "Ich bewundere Leute, die mit 75 noch eine neue Position anstreben. Ich möchte gerne ein bisschen leben und woanders sein." Gemeinsam mit seiner Ehefrau, Schauspielerin Sandra Cervik, will er in Ägypten am Roten Meer seine Pension genießen. "Ich will nicht immer Verantwortung für 400 Menschen haben. Das war gut und ich habe mich mit voller Leidenschaft da hineingeschmissen." Aber: "Ein Leben lang weiß ich im April schon, was im November ist... das befreit nicht."

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"Das Leben neu definieren"

Föttinger wirkt aufrichtig gelöst und vorfreudig, wenn er sich seine Zukunft weit weg vom Theateralltag ausmalt. "Das Loslassen ist überhaupt nicht schwer." Als sein 28-jähriger Sohn vor Jahren von zu Hause ausgezogen ist, war das ungleich schwieriger für ihn. "Du musst das Leben neu definieren. Auch als Paar. Wir waren vorher zu dritt, jetzt sitzen wir zu zweit am Tisch."

Für die Eheleute, die schon über 30 Jahre gemeinsam durchs Leben gehen, war die Umstellung jedoch mühelos. "Das Tolle ist, dass wir zwei so schön reden können, Spaß haben, zusammen sitzen und Pläne schmieden. Über das Theater rede ich eigentlich gar nicht mehr gern." Nach 45 Jahren als "absolutes Zentrum des Lebens" will Föttinger das nun gehen lassen und Platz für Neues machen.

"Es wird ihm nicht fad werden"

"Es gibt ja viele Menschen, die glauben, das schafft er nie. Was macht er jetzt in Ägypten? Zwei Tage schaut er aufs Meer, dann ist ihm fad, dann schaut er in den Himmel, dann ist ihm noch fader. Und was macht er dann? Na, dann sehen wir, was er macht. Ich glaube, es wird ihm nicht fad werden", lacht er.

Neben dem Abflugdatum im Sommer nach Ägypten und dem bevorstehenden, runden Geburtstag seiner Frau im September, gibt es derzeit nur einen fixen Termin im Leben des Theatermachers: Am 5. März 2027 feiert er mit "Romeo und Julia" als Regisseur Premiere in München. "Dann habe ich wieder ein großes weißes Feld vor mir – ich liebe das."

Föttingers Vermächtnis

Über sein Vermächtnis zeigt sich der scheidende Direktor zurückhaltend: "Vielleicht habe ich ein bisschen die Fenster fürs 21. Jahrhundert aufgemacht. Dieses Haus ist ja ein komplexes, weil es im Verhältnis zum Budget viel Geld einspielen muss." Er wollte "mutig sein, Uraufführungen machen und versuchen, modernere Regie-Handschriften ranzulassen, das Publikum überraschen und dann wieder Regie-Größen holen." Mit über 100 Ur- und Erstaufführungen kann sich sein Schaffen sehen lassen.

Letztlich hat Föttinger aber "nur einen Wunsch: Dass es gut weitergeht. Die Josefstadt ist eine Institution, die es seit dem Jahr 1788 gibt, der kann nichts passieren. Es kann und wird Phasen geben – das habe ich auch erlebt – in denen es schwieriger wird und dann wieder besser."

"Das kriege ich nicht mehr weg"

Vor zwei Jahren stand Föttinger im Mittelpunkt von schweren Vorwürfen: Er habe Mitarbeiter beleidigt, angebrüllt und sei übergriffig geworden. 18 Angestellte hatten sich 2024 gegen ihren Direktor ausgesprochen. "Das war für uns alle hier eine schwierige Zeit. Wir haben das durchgestanden. Es tut mir leid, falls ich jemanden in meiner Leidenschaft verletzt habe. Aber es war auch viel dabei, was nicht der Wahrheit entsprochen hat", blickt er zurück. "Das gehört zu meiner Biografie dazu, das kriege ich nicht mehr weg. Das kann man nicht ändern."

Zu seinem Entschluss, in der Josefstadt aufzuhören, haben die Vorkommnisse aber nicht beigetragen, betont er. Schon vor vier Jahren sei der Wunsch in ihm gereift. "Jetzt habe ich das berühmte One-Way-Ticket gebucht", erfüllt er sich einen lang gehegten Traum. "Die Freude darauf, was in der Zukunft passiert, ist größer als die Melancholie über die Vergangenheit."

{title && {title} } sk, {title && {title} } Akt. 21.05.2026, 09:11, 21.05.2026, 06:00
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