Immerhin die Richter in Lausanne können aufatmen. Der Internationale Sportgerichtshof (CAS) muss sich wohl nicht mit dem "Fall Balogun" beschäftigen – der Niederlage der US-Amerikaner im Achtelfinale der Fußball-WM sei Dank. Die siegreichen Belgier dürften auf die weiteren juristischen Schritte verzichten, die sie sich vorbehalten haben. Und dennoch könnte die FIFA durch ihr skandalumwittertes Vorgehen die Büchse der Pandora geöffnet haben - auch wenn der Weltverband genau das vehement bestreitet.
Mittels 783 Wörtern aufgeteilt in 13 Unterpunkte legte der Vorsitzende der Disziplinarkommission dar, warum es vollkommen korrekt war, dass US-Stürmer Folarin Balogun trotz seiner Roten Karte im Sechzehntelfinale gegen Bosnien-Herzegowina (2:0) im Achtelfinale gegen Belgien (1:4) spielen durfte.
Von dem Anruf von US-Präsident Donald Trump bei FIFA-Boss Gianni Infantino, in dessen Anschluss die eigentlich automatische Sperre aufgehoben wurde, war in den Zeilen von Mohammad Al Kamali natürlich nichts zu lesen.
Vielmehr verwies der Funktionär aus den Vereinigten Arabischen Emiraten auf den "Ermessensspielraum" und die "Unabhängigkeit" der Kommission. Und weil dies so ist, habe das Gremium die Aussetzung der Sperre "unter Berücksichtigung sämtlicher spezifischer Umstände des Vorfalls und der verfügbaren Beweismittel beschlossen". Dies sei auch "keineswegs beispiellos", sondern "im modernen Spiel nichts Neues". Und schon gar nicht sei dies die Überschreitung einer "roten Linie", wie die Europäische Fußball-Union (UEFA) harsch kritisiert hatte. Gerade in den Topligen jener UEFA komme das immer wieder vor. Das sahen zahlreiche Experten allerdings ganz anders.
Fatales Signal
Nach Ansicht des früheren Vorsitzenden des DFB-Sportgerichts, Hans E. Lorenz, hat der Weltverband mit seinem Vorgehen gegen seine eigenen Regeln verstoßen. "Die FIFA droht allen Verbänden seit Jahrzehnten mit Sanktionen, sollten sie das Prinzip der Mindestsperre von einem Spiel missachten", sagte der Jurist dem "kicker": "Das ist ein fatales Signal für die Sportgerichtsbarkeit in aller Welt. Jeder gesperrte Spieler und sein Verein werden sich in Zukunft auf diese Entscheidung berufen. Es wird größter Anstrengungen bedürfen, um diese Entwicklung einzufangen." Dafür könnte es aber schon zu spät sein.
Protestwelle droht
Der FIFA droht bereits eine Protestwelle. Nach Informationen englischer Medien plant etwa der englische Verband FA, seine Optionen für einen Einspruch gegen die Rote Karte für Jarell Quansah aus dem Achtelfinale gegen Mexiko (3:2) zu prüfen. Englands Teammanager Thomas Tuchel hatte nach dem Spiel darauf beharrt, dass der Platzverweis für Quansah nicht gerechtfertigt gewesen sei.
Der französische Verband FFF hat unterdessen bereits eine Annullierung der Gelben Karte gegen Michael Olise beantragt. Der Münchner war im Achtelfinale gegen Paraguay (1:0) nach einer Auseinandersetzung mit Matias Galarza verwarnt worden. Videoaufnahmen zeigen jedoch, dass sich Galarza theatralisch zu Boden warf, ohne von Olise berührt worden zu sein.
Juristische Prüfung
Doch nicht nur bei der Sportgerichtsbarkeit droht Chaos. Früher oder später wird sich die komplette Satzung des Weltverbands einer juristischen Prüfung unterziehen müssen. Es fehlt zwar noch der Kläger, doch zahlreiche Sportrechtler gehen davon aus, dass die FIFA-Statuten illegal sind, weil sie gegen zahlreiche Rechtsprinzipien verstoßen und zudem intransparent umgesetzt werden.
Mats Hummels ist zwar kein Sportrechtler, der Weltmeister von 2014 ist angesichts des FIFA-Gebarens dennoch entsetzt. "Es ist eine Katastrophe, das schadet der Glaubwürdigkeit des Fußballs so unheimlich, das können die noch gar nicht einschätzen", sagte der MagentaTV-Experte: "Für die Glaubwürdigkeit und den Fairness-Gedanken finde ich es absolut Harakiri, was da gemacht wird." Hummels zeichnete ein düsteres Bild der Zukunft: "Du öffnest Tür und Tor für alle möglichen Entscheidungen und alle möglichen Proteste auf der ganzen Welt."
Während sich Hummels sorgt, flüchtet sich Oliver Kahn in beißende Ironie. "Wenn wir die Fußballgeschichte schon umschreiben, habe ich einen kleinen Vorschlag", schrieb der Vize-Weltmeister von 2002 bei X: "Die FIFA sollte die Gelbe Karte annullieren, die Michael Ballack im WM-Halbfinale 2002 erhielt – jene Karte, die ihn für das Finale ausfallen ließ. Und wenn wir schon dabei sind, könnten wir auch gleich das Finale gegen Brasilien wiederholen."
Dass der damals während des Turniers überragende Kahn ausgerechnet im Endspiel (0:2) patzte, könnte dann auch aus der Historie verschwinden.