"Ohne Internet wäre ich nicht Präsident geworden"

Der "Vater des Internets" Vinton Cerf hielt mit Bundespräsident Alexander Van der Bellen am Mittwoch eine Schulstunde in der Wiener HTL Spengergasse ab.
An eine Schulzeit, in der wir nicht einmal "einen Fotokopierer hatten", erinnert sich Van der Bellen am Mittwoch in einer Klasse der HTL Spengergasse zurück. Und stellt im gleichen Atemzug einen der Männer vor, die das grundlegend geändert haben: Vinton "Vint" Cerf, US-amerikanischer Informatiker, "Vater des Internets", Vize-Präsident von Google und "Chief Internet Evangelist" – "was immer das ist", so Van der Bellen.

Cerf (76), von Kindheit an schwerhörig und auf ein Hörgerät angewiesen, suchte schon früh nach neuen Wegen schriftlicher Kommunikation. Noch an der Uni, arbeitet Cerf am Arpanet, dem Vorläufer des heutigen Internets, mit. Durch ihn entstanden das Transmission Control Protocol (TCP) und das Internet Protocol (IP), die Grundlagen des Internets, wie wir es heute kennen. Es folgten Dienste zur Datenübertragung über Satellit und Funk sowie die Entwicklung von Sicherheitsprotokollen.

Google-Chef & VdB in HTL Spengergasse
Google-Chef & VdB in HTL Spengergasse


Vinton "Vint" Cerf

Seit 1966 ist Cerf mit einer Gehörlosen verheiratet und hat mit ihr zwei Söhne. Cerf ist Ehrendoktor an zahlreichen Universitäten weltweit und Träger der höchsten technologischen und zivilen US-Auszeichnungen, der "National Medal of Technology" und der "Presidential Medal of Freedom". Cerf wurde auch die IEEE Alexander Graham Bell Medal, der Prinz-von-Asturien-Preis, der Turing Award, der Charles-Stark-Draper-Preis und der Japan-Preis verliehen. 2010 wurde Cerf sogar für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen.
Bei Amazon schauen, beim Buchhändler kaufen

Was Cerf als seine Aufgabe bei Google sieht: "Ich soll den Menschen Zugang zum Internet geben, die keinen Zugang haben." Einen solchen hat Van der Bellen bereits, der Lob und Kritik für das Internet übrig hat. "Ich hätte die Bundespräsidentenwahl 2016 ohne das Internet nicht gewonnen", so Van der Bellen, denn es trage Botschaften in die Gesellschaft hinaus und vernetze die Menschen miteinander.

CommentCreated with Sketch.12 zu den Kommentaren Arrow-RightCreated with Sketch. Sorgen bereitet dem Bundespräsidenten, wie er den HTL-Schülern gestand, die Datensicherheit: "Ich habe auf Amazon nach einem Buch gesucht und gleich auch 15 andere vorgeschlagen bekommen, die mich interessieren könnten. Gekauft habe ich es aber dann bei meinem Buchhändler, ich will nicht das private Daten an Amazon gehen." Man wisse schließlich nicht, was mit den Daten passiere und welche Daten die Internetkonzerne als nächstes haben wollen.

Fake-News

Ein weiteres Sorgenkind Van der Bellens: Wie sich Falschnachrichten von Fakten unterscheiden lassen. Hacke sich jemand ins Hauptabendprogramm des ORF und spiele eine Nachricht aus, dass man sofort flüchten müsse, weil an einem Ort eine Gefahr droht, "dann ist das kein Spaß". In einigen Fällen hätte so etwas bereits fast zu einem Krieg geführt.

Sorgenkinder, die nicht kleiner werden, wie Cerf bestätigte, schließlich sollen schon 2020 rund 50 Milliarden Geräte mit dem Internet vernetzt sein. "Wir wollen internationale Abkommen diskutieren, um die Sicherheit, die Privatsphäre und den Schutz der Nutzer erhöhen zu können", sagt Cerf zum Grund seines Österreich-Besuchs, der ihn weiter zum Internet Governance Forum 2019 in Berlin führt.

Der Vater des Internets lernt Youtube kennen

Daten seien aber nicht nur zu schützen, sie könnten auch zu Durchbrüchen verhelfen, so Cerf, "wenn man die Daten von den privaten Informationen, also dem Nutzer, trennen kann. Man bekommt etwa bei medizinischen Daten ein weiteres Verständnis davon, wie sich Krankheiten und medizinische Versorgung weltweit entwickeln und kann so das Leben für alle Menschen besser machen".

Und wie steht Cerf zu heutigen Internet-"Auswüchsen" wie Netflix, Youtube, Facebook, Instagram und Co.? "Ich habe Dinge wie Youtube immer unterschätzt und gefragt, wie sich vor allem Junge Informationen von Youtube statt aus Medien holen. Bis meine Frau und ich chinesische Melanzani kochen wollten und keine Ahnung hatten. Auf Youtube fanden sich gleich 17 Videos dazu, und das Gericht war ausgezeichnet. Was Youtube gut kann: Zeigen, wie etwas gemacht wird", so Cerf.

"Ich würde das Internet wieder erfinden, aber..."

50 Jahre, nachdem Cerf dabei Hand anlegte, als der erste Arpanet-Knoten in Betrieb ging, zwei Computer erstmals Daten über das Netz austauschten und schließlich Daten zwischen zwei entfernten Orten übertragen wurden, sagt Cerf: "Ich bin aufgeregt darüber, was aus dem Internet geworden ist. Ich bin aber nicht glücklich darüber, für was es missbraucht wird." Technische Probleme könne man lösen und das Netz mit Gesetzen regulieren, beim sozialen Verhalten der Nutzer müsse man aber einfach sagen: "Tu das nicht, das ist schlecht." Das Internet brauche solche Verhaltensregeln.

Ob Cerf, der alle Sonnen- und Schattenseiten des Netzes kennt, das Internet noch einmal in dieser Form erfinden würde? "Ich würde gleich mit IP6 starten." Gemeint ist das heute genutzte Internetprotokoll der Version 6 im Gegensatz zur Version 4, die die erste weltweit verbreitete Version war. IPv4 bot "nur" theoretische 4 Milliarden IP-Adressen. Mit Aufkommen des World Wide Web gingen die verfügbaren Adressen dabei rapide zur Neige. IPv6 dagegen bietet 340 Sextillionen Adressen, damit jeder Kühlschrank, Heizkörper oder Backofen seine eigene Adresse bekommen kann.

"Manches soll geheim bleiben, weil sonst Panik entsteht"

Politisch und technisch brisant der Abschluss des gemeinsam Schulbesuchs. Wie stehen Cerf und Van der Bellen zu Whistleblowern wie Edward Snowden, der US-amerikanische Programme zur Überwachung der weltweiten Internetkommunikation öffentlich gemacht hat? Es sei gut, dass es Menschen wie Snowden gibt, durch die man solche Vorkommnisse erfahre, heißt es unisono. "Aber es gibt auch Dinge, wenn auch in Österreich eher wenige, die der Staat zurecht geheimhält, sonst würde Panik entstehen", so Van der Bellen.

In einer früheren Version des Artikels hieß es, dass der Bundespräsident Opfer von Cyberkriminellen geworden sei. Die Präsidentschaftskanzlei teilte dazu mit:

"Die Meldung, wonach der Bundespräsident erpresst wurde, ist unrichtig. Tatsächlich hat der Bundespräsident erzählt, eine Firma habe ihm berichtet, dass sie via Internet erpresst wurde. Ihr wurde gedroht, dass ihre Kundendaten gelöscht werden, wenn sie nicht einen bestimmten Betrag zahlen würde. Er wollte damit darauf hinweisen, welche problematische Seiten das Internet neben seinen positiven Errungenschaften haben kann."



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