Der schwere Olympia-Sturz von Lindsey Vonn sorgt weiter für Diskussionen. Nun meldete sich einer der renommiertesten Knie-Spezialisten Österreichs zu Wort: Prof. Dr. Christian Fink, der bereits zahlreiche Weltklasse-Sportler operiert hat – darunter auch die US-Ski-Ikone selbst.
Der als "Knie-Papst" bekannte Vorarlberger zeigte sich im Interview mit "Spox" wenig überrascht darüber, dass Vonn trotz Kreuzbandriss bei den Winterspielen an den Start ging. "Nein, nicht im Ansatz", sagte Fink auf die entsprechende Frage.
Ganz so ungewöhnlich sei ein Start ohne Kreuzband im Skisport nämlich nicht. "Ich habe schon mehrere ähnliche Fälle miterlebt. Die standen halt nur nicht so in der Öffentlichkeit", erklärte der Spezialist. Gleichzeitig relativierte er mögliche Erwartungen: "Ich kenne aber niemanden, der ohne Kreuzband etwas gewonnen hat."
Der dramatische Ausgang bei Vonn bleibt für ihn dennoch ein Sonderfall. "Und übrigens auch niemanden, bei dem es so dramatisch ausgegangen ist wie bei Lindsey."
Nach ihrem Sturz in der Olympia-Abfahrt von Cortina erlitt die 41-Jährige eine schwere Verletzung am linken Bein. Die Diagnose: eine komplexe Tibiafraktur. "Auch den Schienbeinkopf. Alles war zertrümmert", schilderte Vonn später selbst.
Besonders kritisch wurde die Situation durch ein sogenanntes Kompartmentsyndrom. "Da ist zu viel Blut in diesem Bereich und es bleibt stecken und zerquetscht mehr oder weniger alles dort. Muskeln, Nerven, alles stirbt ab", erklärte die Olympiasiegerin.
Die Ärzte mussten sofort operieren. "Sie haben beide Seiten aufgeschnitten wie ein Filet, um es atmen zu lassen. Der Arzt sagte mir, sie haben mein Bein gerettet."
Allein der erste Eingriff dauerte sechs Stunden. Insgesamt verbrachte Vonn fast zwei Wochen im Spital und musste wegen massiven Blutverlusts sogar eine Bluttransfusion erhalten. "Der Schmerz war außer Kontrolle", berichtete sie.
Ob der Sturz direkt mit ihrem Kreuzbandriss zusammenhängt, möchte Fink nicht beurteilen. "Mit der Behauptung, dass ihr schwerer Sturz damit zusammenhängt, wäre ich allerdings ganz vorsichtig. Ich persönlich würde mich das nicht zu sagen trauen."
Dass Vonn trotz der Verletzung bei Olympia starten wollte, kann der Arzt dennoch nachvollziehen. "Aus ihrer Sicht war die Entscheidung verständlich", sagte Fink. "Ich hätte mich extrem für Lindsey gefreut, wenn alles gut gegangen wäre und sie tatsächlich ohne Kreuzband die Goldmedaille gewonnen hätte."
Ganz ohne Bedenken blickte der Spezialist allerdings nicht auf die Situation. Ein erfolgreicher Start ohne Kreuzband hätte aus seiner Sicht problematische Folgen haben können.
"Gleichzeitig habe ich mir aber auch Sorgen über die Wirkung dessen gemacht", erklärte Fink. "Für junge Sportler wäre das ein völlig falsches Zeichen gewesen. Die hätten sich dann vielleicht gedacht: Warum muss ich einen Kreuzbandriss überhaupt operieren und so lange Reha machen? Es geht ja offenbar auch ohne."
Für Vonn beginnt nun jedenfalls ein langer Weg zurück. Wegen der schweren Beinverletzung, eines zusätzlichen Knöchelbruchs und mehrerer Operationen wird es laut Ärzten rund ein Jahr dauern, bis alle Knochen vollständig verheilt sind. Erst danach soll ihr Kreuzband endgültig operiert werden.