Die letzten Lebensjahre seiner Mutter haben Alfons Haider tief geprägt. Der Entertainer und Intendant der Seefestspiele Mörbisch kümmerte sich sechs Jahre lang um seine demenzkranke Mutter und verarbeitet diese Zeit nun in seinem Buch "Meine Mama, die Löwin". Im Gespräch mit dem "profil" spricht der 69-Jährige offen darüber, was er heute anders machen würde.
"Ganz klar, und das war auch rückblickend betrachtet mein größter Fehler: Meine Mutter und ich haben das Thema immer ausgeblendet und verdrängt, als sie noch im Besitz ihrer Kräfte war. Da hätten wir uns hinsetzen und besprechen sollen, wie wir, sollte sie es nicht mehr alleine schaffen, vorgehen werden", erzählt Haider im Interview mit dem Nachrichtenmagazin.
Rückblickend habe es dafür einen idealen Zeitpunkt gegeben. "Mit 70 hat sie zu mir gesagt: 'Ich mach mir solche Sorgen, wenn ich einmal nicht mehr bin.' Sie glaubte einfach, dass ich ohne sie nicht zurechtkäme. So quasi nach dem Motto: Wer soll denn dem Buben die Wäsche machen, wenn ich nicht mehr bin? Damals habe ich noch drüber gelacht. Damals war ich 50. Das wäre der ideale Zeitpunkt für so ein Gespräch gewesen", erklärt der 69-Jährige im "profil".
Die Krankheit entwickelte sich schleichend. Zunächst habe seine Mutter immer öfter Dinge vergessen, später seien Gleichgewicht und Selbstständigkeit verloren gegangen. Besonders ein Satz sei ihm bis heute im Gedächtnis geblieben.
"An ihrem 80. Geburtstag, da saß sie so nachdenklich da und sagte: 'Eigentlich wäre es am besten, ich würde mich heute schlafen legen und du würdest erst in der Früh merken, dass ich mich auf ewig schlafen gelegt habe'", erinnert sich Haider im "profil".
Trotz der deutlichen Anzeichen habe er lange gehofft, dass sich ihr Zustand wieder verbessern würde. Schließlich zog seine Mutter zu ihm in die Wohnung. Die Demenz habe jedoch immer stärker den Alltag bestimmt. "Da hat sie dann nachts oft so furchtbar geschrien, weil alle Schrecklichkeiten ihrer Kindheit wieder hochgekommen sind."
Auch Aggressionen seien Teil der Krankheit geworden. Einmal sei seine Mutter nach einem Streit sogar aus der Wohnung in die Dunkelheit und den Schnee gelaufen und habe erst mit Mühe zurückgebracht werden können.
Ein Pflegeheim kam für seine Mutter nie infrage. "Das wollte sie unter gar keinen Umständen", stellt der Entertainer im Interview mit dem Nachrichtenmagazin klar. Deshalb stellte Haider sein eigenes Leben weitgehend zurück.
"Ich musste mein bisheriges Leben großteils aufgeben. Ich konnte keine Angebote annehmen, wo ich länger als eine Nacht aus Wien weg gewesen wäre, an eine Beziehung mit einem Partner war sowieso nicht zu denken. Ich habe auch wirklich sehr viele Freunde während dieser Zeit verloren. Ich war ja in einem Kastl gefangen", erklärt Haider im "profil".
Auch körperlich hinterließ die Pflege Spuren. "Meine Herzbeschwerden, an denen ich manchmal leide, sind mir sicher durch diesen Stress geblieben." Trotzdem habe er nie das Gefühl gehabt, dass seine Mutter ihm die Freiheit genommen habe.
"Vielmehr hatte sie mir zuvor meine Freiheit überhaupt erst ermöglicht. Sie hatte mir das größte Geschenk gemacht, das eine Mutter ihrem Kind machen konnte. Sie gab mir den Mut und die Kraft, meinen eigenen Weg zu finden. Herauszufinden, wer ich selbst war", sagt der 69-Jährige im Nachrichtenmagazin.
Im Buch schildert Haider auch, dass seine Mutter zunächst Schwierigkeiten hatte, seine Homosexualität zu akzeptieren. "Ja, da hat sie tatsächlich lange gebraucht. Aber sie hat sich unglaublich bemüht, es zu verstehen", verrät Haider im "profil".
Später habe sie ihn sogar gegen Anfeindungen verteidigt. Nach einem homophoben Spruch in einem Eissalon habe sie die Verursacher lautstark zur Rede gestellt. Für ihre frühere Unsicherheit habe sie sich später mehrfach entschuldigt.
Auch die häusliche Pflege habe Grenzen gehabt. Schließlich musste seine Mutter ins Spital. Dort habe er sehr unterschiedliche Erfahrungen gemacht. "Ich habe allen Respekt vor den Pflegerinnen und Pflegern. Was diese Leute leisten, mit wie viel Kraft und Güte sie ihren Patienten begegnen, das sind echte Heldinnen und Helden für mich", sagt Haider im "profil".
Mit manchen Ärzten sei der Umgang dagegen schwierig gewesen. Besonders bewegt habe ihn der Rat eines befreundeten Internisten Jahre vor dem Tod seiner Mutter. "Alfons, du musst deine Mutter sterben lassen." Damals habe ihn dieser Satz schockiert. Erst später habe er verstanden, was damit gemeint war: "Er hatte wahrscheinlich recht", erklärt Haider dem "profil".
Mit seinem Buch möchte Alfons Haider nicht nur an seine Mutter erinnern, sondern auch andere Familien dazu ermutigen, rechtzeitig über Pflege, Krankheit und das Lebensende zu sprechen.