Der Satz hält sich hartnäckig: "Wenn ich mehr verdiene, rutsche ich in eine höhere Steuerklasse und habe am Ende weniger Netto." Viele Menschen glauben das - doch genau das ist im normalen Lohnsteuersystem ein Mythos.
Der Irrtum entsteht, weil sich eine Gehaltserhöhung auf dem Papier oft größer anfühlt als später auf dem Konto. Die Erhöhung kommt an, wird aber durch Steuern und Sozialabgaben abgeschmolzen. Das frustriert - macht aber niemanden ärmer.
Der Kern des Problems ist der Unterschied zwischen Grenzsteuersatz und Durchschnittssteuersatz, wie chip.de erklärt. Viele verwechseln die Idee eines höheren Steuersatzes mit einer kompletten Neuberechnung des gesamten Einkommens.
Sowohl in Deutschland als auch in Österreich gilt ein progressiver Einkommensteuertarif. Das heißt: Mit steigendem Einkommen steigt auch die Steuerbelastung - allerdings stufenweise und nur auf den jeweils höheren Einkommensanteil.
Der Grenzsteuersatz beschreibt, wie stark der letzte hinzuverdiente Euro belastet wird. Der Durchschnittssteuersatz zeigt dagegen die Steuerlast auf das gesamte Einkommen. Der höhere Satz greift nur für den zusätzlichen Einkommensanteil, nicht rückwirkend für alles darunter.
Wenn nur der zusätzliche Einkommensanteil höher belastet wird, kann das Nettoeinkommen durch eine Gehaltserhöhung nicht sinken. Aus mathematischer Sicht führt mehr Gehalt also niemals zu weniger Geld im Portemonnaie.
Dass sich eine Erhöhung manchmal ernüchternd anfühlt, hat meist zwei Gründe: Erstens steigen auf das zusätzliche Einkommen Steuern und Sozialabgaben. Zweitens wird häufig Brutto mit Netto verwechselt.
Ein weiterer Faktor ist die sogenannte kalte Progression. Wenn Einkommenserhöhungen nur die Inflation ausgleichen, der progressive Tarif aber trotzdem zu einer höheren Durchschnittsbelastung führt, steigt das Netto zwar nominell - die Kaufkraft aber kaum.
Der Kern bleibt: An der Steuerprogression allein scheitert eine Gehaltserhöhung nicht. Mehr Brutto führt auch zu mehr Netto - nur eben nicht eins zu eins.