Warum Kinder andere Kinder missbrauchen

Die Zahl der Vergewaltigungen mit jugendlichen Verdächtigen steigt. Eine Expertin erklärt, was hinter diesem Verhalten steckt.
Anfang Juli sollen fünf Kinder und Jugendliche – vier unter 14 Jahren, also nicht strafmündig – im deutschen Mülheim eine Frau vergewaltigt haben. Der 14-jährige Verdächtige soll bereits im Kindesalter wegen zwei sexuellen Belästigungen aufgefallen sein. Auch in Österreich gibt es solche Fälle – und sie mehren sich.

2018 wurden 19 Jugendliche im Alter zwischen 10 und unter 14 Jahren einer Vergewaltigung verdächtigt – allesamt männlich. Das geht aus Daten des Bundeskriminalamts hervor. Es ist der höchste Wert im Zehn-Jahres-Vergleich.

Der Gipfel waren bis dahin 13 Verdächtige im Jahr 2014 (davon zwölf männlich). In den anderen Jahren bewegte sich der Wert zwischen einem (2013) und zehn (2011) Verdächtigen.

CommentCreated with Sketch.34 zu den Kommentaren Arrow-RightCreated with Sketch. Ähnlich verhält es sich mit der Zahl der Jugendlichen, die der geschlechtlichen Nötigung verdächtigt wurden. 2018 wurden 17 Personen ausgeforscht, im Jahr davor waren es nur zwei.





"Kinder, die sexualisierte Gewalt – meist im Familien- oder Bekanntenkreis – erlebt haben, geben diese Erfahrungen unter Umständen weiter", sagt Dunja Gharwal von der Wiener Kinder- und Jugendanwaltschaft im Gespräch mit "Heute.at". Sexuelle Übergriffe sind einer der Schwerpunkte der unabhängigen Ombudsstelle der Stadt Wien.

"Diese Kinder, die sich so oft machtlos gefühlt haben, versuchen ihr Trauma zu verarbeiten, indem sie selbst Macht ausüben", sagt Gharwal. Dabei komme es allerdings zu einer anderen Traumatisierung: "Auch das Ausüben von Gewalt kann traumatisierend sein."



Kinder unter 14 Jahren sind strafunmündig, können also nicht von Gerichten verurteilt werden. Haftstrafen sind daher nicht möglich. Bleiben nur Erziehungsmaßnahmen, etwa die Unterbringung in einer betreuten Wohngemeinschaft.

Nach der Vergewaltigung in Deutschland und einer Prügelattacke in einem Wiener Park hatte der Wiener Vizebürgermeister Dominik Nepp (FPÖ) die Herabsetzung der Strafmündigkeit auf zwölf Jahre gefordert. Laut Nepp würde das aktuelle Gesetz die Täter schützen. "Das geht nicht, wir müssen endlich die Opfer schützen", so der Politiker vergangene Woche zu "Heute.at".

Die Wirksamkeit einer solchen Maßnahme kann Gharwal "ganzheitlich ausschließen". "Kinder einzusperren, löst die Problematik nicht. Wir sind besser beraten, präventive Maßnahmen zu setzen. Bei eigenwilligem Verhalten von Kindern muss die Gesellschaft gut hinschauen und handeln, wenn es nötig ist." Experten sind gegen eine solche Maßnahme.

Übergriffe kommen meist nicht ohne Vorwarnung. "Kinder mit Gewalterfahrungen inszenieren oft ungewöhnliches Verhalten, sie imitieren sexuelle Handlungen", erklärt die Jugendanwältin. "Das sind Alarmsignale."

Zum Beispiel in Wien bemühen sich zahlreiche Organisationen und Vereine um Präventionsarbeit in Schulen und Kindergärten. Das Bundeskriminalamt deckt mit dem Gesamtkonzept "Under18" bundesweit gleich mehrere Bereiche ab – etwa den Umgang mit digitalen Medien oder Delikte im strafrechtlichen Bereich.





Auch der Tatbestand der pornographischen Darstellung Minderjähriger befindet sich im Aufwärtstrend. Insgesamt wurden im Vorjahr 116 Verdächtige ausgeforscht, 2017 waren es noch 50. Jugendanwältin Gharwal sieht hier einen Zusammenhang mit der Nutzung sozialer Medien.

"Viele Eltern wissen gar nicht, dass beliebte Messenger eigentlich erst ab 16 Jahren genutzt werden können", sagt sie. Zudem würden diese Dienste sehr unbedarft genutzt, oftmals handle es sich bei den problematischen Bildern um Selbstdarstellung.

Ganz allgemein sieht Gharwal die "Lässigkeit", mit der sexualisiertes Verhalten und sexualisierte Sprache in der Öffentlichkeit dargestellt werden, als problematisch an. "Erwachsene haben eine Vorbildwirkung und müssen mit diesen Themen sensibler umgehen." Sie plädiert unter anderem für gewaltfreie Sprache.

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