Wie sich Long Covid-Betroffene selbst helfen können

Verkatert, Grippe und Marathon gelaufen gleichzeitig: So fühlen sich Long Covid-Betroffene.
Verkatert, Grippe und Marathon gelaufen gleichzeitig: So fühlen sich Long Covid-Betroffene.
Getty Images/iStockphoto
Weil die wenigen Anlaufstellen für Long Covid viel zu schnell überlaufen sind, erklärt ein Experte im Interview, was Betroffene selbst tun können.

Dr. Michael Stingl ist Neurologe in Wien hat sich den Langzeitfolgen der Corona-Erkrankung, dem so genannten Long Covid-Syndrom, verschrieben. Patienten, die seine Praxis aufsuchen, leiden unter massiven Erschöpfungszuständen, die sogar einfache Tätigkeiten im Haushalt wie Geschirrspüler ausräumen, unmöglich machen. Es handle sich dabei vorwiegend um verhältnismäßig junge Leute, die einen milden Krankheitsverlauf hatten, nicht hospitalisiert waren und keine Vorerkrankungen hatten. Dennoch können sie sich nach Abklingen der akuten Infektion nicht erholen, erzählt der Mediziner im Interview mit "Heute".

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Der Grund, warum Stingl als Neurologe sich mit Long Covid beschäftigt, ist die enge Verbindung zu ME/CFS – Myalgischer Encephalomyelitis/Chronic Fatigue Syndrome, auch bekannt als Chronisches Erschöpfungssyndrom, das der Neurologie zugeordnet wird. Sein Schwerpunkt sei mittlerweile das autonome Nervensystem, das unter anderem für die Regulation von Blutdruckund Puls zuständig ist. Aber gerade diese Parameter funktionieren bei Long Covid-Patienten nicht mehr richtig, erklärt Stingl: „Wenn die Patienten länger sitzen und dann aufstehen, sackt der Blutdruck in den Keller oder nach ein paar Stufen haben die Patienten einen Puls von 150 – definitiv Werte, die nicht normal sind.“

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Nichts Neues

Dabei sind Folgeschäden nach Viruserkrankungen nichts Neues. Auch bei anderen viralen Krankheiten wie Influenza oder dem Epstein Barr-Virus („Pfeiffer’sches Drüsenfieber“) können nach der Akutphase solche Zustände auftreten. Der Unterschied, wieso es jetzt in aller Munde ist, sei deshalb, weil „diese Folgeschäden bisher noch nie in so großer Zahl aufgefallen sind“, erklärt der Neurologe.

Zu wenige Anlaufstellen, begrenzte Kapazitäten

Dr. Stingl bekrittelt, dass es nach wie vor viel zu wenige Anlaufstellen für Long Covid-Betroffene gibt und auch Ärzte mit Expertise in diesem Gebiet zu finden, wäre sehr schwer. Grund dafür: Die Medizin habe die postvirale Fatigue über Jahrzehnte ignoriert und als psychosomatisch abgetan. „Das fällt uns jetzt auf den Kopf. Deshalb werden Sie wenige Ärzte finden, die sich damit auskennen. Auch ich musste mir meine Kenntnisse über Jahre erarbeiten“, so Stingl.

In Österreich gibt es derzeit drei Ambulanzen, wo sich Betroffene hinwenden können: Im Wiener AKH, bei den Barmherzigen Schwestern und am LKH Graz. „Jede Ambulanz, die aufsperrt, führt nach kürzester Zeit Wartelisten, da die Nachfrage so hoch ist“, meint Stingl.

Seit letztem Sommer kommen Menschen mit Long Covid-Beschwerden in seine Ordination. 60 Prozent oder mehr der Patienten, die ihn pro Tag konsultieren, kommen wegen Long Covid oder ME/CFS. Stingl versucht, möglichst vielen Patenten zu helfen, aber auch seine terminlichen Kapazitäten sind nicht endlos. Aktuell sind seine Termine bis Ende November ausgebucht. „Das ist natürlich nicht ideal, weil die Betroffenen so früh wie möglich Hilfe brauchen. Denn je früher man mit der Therapie beginnt, desto schneller kommt man wieder auf die Beine“.

Erfolgversprechend: Pacing

Stingl praktiziert den Therapieansatz des „Pacing“, wo es darum geht, auf den eigenen Körper zu hören. Beim Pacing richtet sich die Strukturierung der Aktivität streng nach den eingeschränkten körperlichen Energiereserven des Patienten. Das bedeutet, im Alltag nicht über die individuellen Belastungsgrenzen zu gehen, auch wenn wir normalerweise gewohnt sind, unsere Limits Stück für Stück zu erweitern. Dr. Stingl ist sich bewusst, dass dieser Ansatz gegen die allgemeine Intuition geht, dennoch hat Pacing vielen seiner Patienten geholfen. Auch Ärzte müssten diese neue Sichtweise lernen. Zusätzlich können Medikamente unterstützend wirken. „Es geht normalerweise nicht darum, den ganzen Tag im Bett zu liegen, sondern dann Pausen einzulegen, wenn der Körper es verlangt. Und das weiß ich, wenn ich auf ihn höre.“

Das Pacing ist auch ohne ärztliche Anleitung selbstständig machbar. Dr. Stingl empfiehlt jedem Corona-Betroffenen mit Verschlechterung des Zustandes nach einer Aktivität, möglichst früh damit zu beginnen, denn „Je früher man damit beginnt, desto schneller wird sich der Zustand stabilisieren und desto eher wird man wieder fit“.

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