Die unberechenbaren Gaslieferungen von Russland zwingen Europa zum Handeln: Die 27 EU-Länder haben sich auf einen sofortigen Sparplan geeinigt. Mittels einer Kompromisslösung wollen die beteiligten Staaten bis März 2023 insgesamt 15 Prozent Gas einsparen.
Die EU-Länder — ob vom Gas abhängig oder nicht — müssen nun also Folge leisten: So besagt etwa eine spanische Verordnung, dass Klimaanlagen nicht unter 27 Grad Celsius kühlen dürfen, während eine Heizung nur noch bis 19 Grad Celsius aufwärmen darf. Dies gilt in ganz Spanien für alle staatlichen Betriebe, öffentliche Verkehrsmittel, Geschäfte, Hotels oder etwa Firmen. Premierminister Pedro Sanchez hat die Spanier ebenfalls aufgefordert, in Büros keine Krawatten mehr zu tragen. Dies, um bei der aktuellen Hitze weiter Energie zu sparen.
Die Schweiz, die das russische Gas via Deutschland — das sich wie erwähnt in einer Bredouille sieht — geliefert bekommt und bei Gas und Öl allgemein 100 Prozent vom Ausland abhängig ist, hat bislang noch keine Verordnungen oder konkretere Sparpläne präsentiert. Für Nationalrat Bastien Girod ist deshalb klar: "Der Bundesrat ist hier besonders passiv unterwegs." Bereits verspätet, müsse die Regierung nun umgehend handeln: "Einerseits müssen wir uns mit Europa solidarisch zeigen, andererseits haben wir auch selber ein Problem, wenn wir so weitermachen wie bis anhin", sagt Girod, der Mitglied der nationalen Energiekommission ist.
Gegenüber "20 Minuten" sagt auch Partei- und Kommissionskollege Kurt Egger, dass in den nächsten 14 Tagen nun dringend Nägel mit Köpfen gemacht werden müssen. Er verlangt von der Regierung kreative Lösungen, die die Schweiz später vor einem unangenehmen Engpass bewahren. Er liefert hierfür auch gleich konkrete Ideen: "Die Schweiz sollte eine nationale Beratungsoffensive starten." Dabei würden Beraterinnen und Berater auf Kosten des Staates Gasheizungen überprüfen und diese – falls nötig – justieren. Zudem sollen im Industriesektor sogenannte Auktionen Anreize schaffen, um Gas zu sparen. Bei diesem Modell können Unternehmen ihre aktiven Gaseinsparnisse gegen ein Entgelt veräußern.
Eine solche Kampagne hat die Schweizer Regierungbereits angekündigt: "Wir arbeiten – zusammen mit der Wirtschaft und der Industrie – an einer Kampagne, um aufzuzeigen, was jeder Einzelne von uns beitragen kann", sagt Bundesrätin Simonetta Sommaruga in einem SRF-Interview. Dieses Vorhaben ist willkommen, so meint Egger: "Einfache Maßnahmen wie kaltes Abwaschen, kürzeres Duschen oder etwa das Nutzen von bestehender Backofenwärme verringern den Gasverbrauch bereits um rund fünf Prozent."
Im von russischem Gas abhängigen Italien schaut man in die Zukunft: Der Staat will sich bis 2024 von russischem Gas komplett unabhängig machen. Als kurzfristige Lösung hat Italien ebenfalls einen Energiesparplan aufgestellt. Die eigenen Speicher werden zudem vorsorglich aufgefüllt.
Frankreich ist mit seinem hohen Anteil an Elektroheizungen im Winter nicht so sehr auf Gas angewiesen und zeigt sich umso solidarischer mit Deutschland: Dem Nachbarn, bei dem jeder zweite Haushalt mit Gas geheizt wird, wurden von Paris aus Gaslieferungen angeboten. Auch in Deutschland intern wird jetzt sparsam gehaushaltet: Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck hat ein Maßnahmenpaket vorgestellt. Per Verordnung werden darin Unternehmen zum Energiesparen verpflichtet. So sollen etwa "Transfer-Räume" wie Gänge oder Entrées im Winter nicht mehr geheizt werden. Hausbesitzerinnen und Hausbesitzern ist es zudem nicht erlaubt, den Winter über private Pools mit Gas zu beheizen.
Dänische Unternehmenetwa erhalten derzeit Hilfe beim Gassparen. "Die aktuelle geopolitische Situation könnte dazu führen, dass einige Unternehmen keinen Zugang zu Gas haben und daher ihre Produktion einstellen oder reduzieren müssen." Das Ziel des Landes sei es, wie die Gewerbehilfen auf effiziente und schnelle Weise Unternehmen kurzfristig beim Einsparen von Gas helfen zu können.