Sport

"Skispringen ist eine brutale Gefühlssportart"

Heute Redaktion
14.09.2021, 02:15

Gregor Schlierenzauer hat den Bann gebrochen und in Lillehammer nach einer 364-tägigen Durststrecke den ersten Weltcup-Einzelsieg gefeiert. Für den Tiroler war die sieglose Zeit allerdings auch mit Positivem verbunden. Wer die Karriere des 24-Jährigen genauer verfolgt, der kann mittlerweile schon fast eine Liebesbeziehung zu Norwegen vermuten.

Alles begann im März 2006 als der damals noch unbekannte ÖSV-Jungadler am legendären Osloer Holmenkollen gleich bei seinem Weltcup-Debüt als 24. in die Punkte segelte. Am 3. Dezember desselben Jahres folgte der erste Sieg - auf der Olympiaschanze in Lillehammer. Weltcup-Sieg 52 und 53, den er am gestrigen Samstag feierte, gelangen ebenfalls in Lillehammer - nur dass dazwischen fast ein Jahr verging. "Lillehammer ist für mich immer etwas Besonderes, weil hier meine Karriere richtig begonnen hat", erzählte Schlierenzauer. "Ich fühle mich sehr wohl hier, weil es ging immer gut aus für mich. Man hat Videoreferenzen und kann sich schneller darauf einstellen."

"Ich bin fast ein bisserl baff, dass es für den Sieg gereicht hat. Damit hätte ich nicht gerechnet. Das ist nicht irgendein Sieg, sondern etwas Besonderes", gab der beste Skispringer im Weltcup-Zirkus zu. Vergangene Saison wollte es nach dem Sieg in Lillehammer nicht mehr so richtig klappen und auch zu Beginn der heurigen sah es nicht besser aus. "Letztes Jahr war die Situation ähnlich, also neu ist sie für mich nicht. Du hast ja auch im Training Sprünge, die nicht so funktionieren. Für mich ist es nichts Neues, aber für euch (die Reporter, Anm.) ist es total ungewohnt. Da merke ich, wie hoch die Latte für mich in der Öffentlichkeit liegt – sobald ich vom Bakken losfahr erwartet sich jeder ein Top-Drei-Ergebnis. Dieses Denken ist für mich zach."

Für ihn gehören auch nicht so erfolgreiche Zeiten zum Sportlerleben dazu. "Diejenigen, die sich mit Sport näher befassen, wissen, dass jeder Sportler ein, zwei Jahre mal einen Durchhänger hat. Skispringen ist eine brutale Gefühlssportart, wo Kleinigkeiten extrem viel ausmachen." Mit seinem Talent konnte er oft Probleme kaschieren. "Ich habe die Situation immer wieder gehabt, dass gewisse Dinge nicht funktioniert haben. Aber ich habe es zumindest eine Zeit lang im Weltcup trotzdem rübergebracht."

"Was nicht leicht hergeht, ist mehr wert"

Wie er das Gefühl verlor, kann er sich selbst nicht erklären. Ob es an den Quärelen mit Ex-Trainer Alexander Pointner lag, wäre reine Spekulation. Die ständigen Regeländerungen waren für Schlierenzauer jedenfalls nicht ausschlaggebend. "Ich bin mit jeder Änderung irgendwie zurecht gekommen. In meinem Fall haperte es an etwas Anderem. Mir fehlte das Gefühl und das Aha-Erlebnis. Das bekommst du nur wieder, wenn du hart arbeitest." Deshalb war der Sieg in Lillehammer auch von großer Bedeutung. "Was nicht leicht hergeht, ist mehr wert."

Ein möglicher Grund für das Tief ist für Schlierenzauer, dass Erfolg alleine nicht glücklich macht. "Ich kann nur eine innere Zufriedenheit haben, wenn es eine Challenge gibt und ich sie löse. Wenn ich von Sieg zu Sieg springe, ist das für die Öffentlichkeit natürlich super, aber mir gibt das eigentlich nichts. Das ist im Sport ja generell zu beobachten. Diejenigen die über längere Zeit erfolgreich sind, sind irgendwann nicht mehr zufrieden. Das ist klar, denn der richtige Sport bedeutet Schweiß – man braucht eine Herausforderung und ein Ziel – dann hat man auch eine innere Zufriedenheit."

Kein Gedanke ans Karriereende

Ans Aufhören dachte Schlierenzauer aber nie. "Es gab für mich keinen Grund die Karriere zu beenden. Noriaki Kasai springt mit 42 Jahren noch immer." Kraft am Weg zurück aufs Stockerl gaben ihm dabei nicht nur sein Team. "Ich möchte mich bei jenen Fans bedanken, die auch hinter mir stehen wenn es nicht so läuft - Schulterklopfer gibt es genug."

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