Mindestens 17 Tote, zahlreiche Verletzte und keine einzige abgewehrte Rakete: Das ist die verheerende Bilanz der Nacht auf Mittwoch in Kiew. Bei russischen Angriffen auf die ukrainische Hauptstadt wurden Wohngebäude, Lagerhallen und ein Bahnhof getroffen.
Die Abwehrraketen für die Luftverteidigung hätten "die Leben derjenigen retten können, die heute getötet wurden", sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj auf X. "Verspätungen bei der Lieferung oder ein Ausbleiben der Bereitstellung von Antiraketensystemen führen zu solchen entsetzlichen Opferzahlen und zu Zerstörung", fügte er in Richtung der westlichen Verbündeten hinzu.
Diese Aussagen sind für Experten ein böses Vorzeichen für die kommende Nacht. Demnach könnten die Menschen in der Ukraine den russischen Raketen erneut schutzlos ausgeliefert sein. Gegenüber der "Bild" erklärte Militärexperte Fabian René Hoffmann, dass man "in eine sehr unangenehme Phase des Krieges eingetreten" sei.
Im Falle der US-amerikanischen Patriot-Systeme seien die Vorräte, die man "guten Gewissens" nach Kiew schicken könnte, ohne dabei die eigenen kritischen Reserven anzuzapfen, aufgebraucht. Laut dem Experten seien die Vorräte der Ukraine möglicherweise nicht aufgebraucht. Dennoch seien sie wahrscheinlich derart dezimiert, dass man sich die verbleibenden Abwehrsysteme für kritische Ziele aufhebt.
Laut Hoffmanns Rechnung könnten die Russen 600 bis 800 ballistische Raketen pro Jahr herstellen. Die Jahresproduktion von Patriot-Abfangraketen liege bei etwa 1.100. Trotzdem brauche es drei oder mehr Abfangraketen, um eine einzige russische Rakete mit 90-prozentiger Sicherheit abzuwehren.
Das derzeitige Problem der Ukraine ist der Iran-Krieg der USA. Dadurch kann Washington weniger Mittel zur Verfügung stellen, da man selbst mit Engpässen zu kämpfen hat, lautet die Prognose des US-Experten Thomas Jäger. Gegenüber der "Bild" betonte er, dass die ukrainischen Städte in den "nächsten Monaten und vielleicht sogar zwei Jahren" nicht gut geschützt sein werden.
US-Präsident Donald Trump hatte Selenskyj Anfang Juli eine Erlaubnis zugesagt, die Systeme in der Ukraine zu produzieren, zeigte sich in der vergangenen Woche aber wieder zurückhaltend. Washington müsse bei einer solchen Entscheidung "sehr vorsichtig" vorgehen, erklärte Trump am Freitag.
Laut Hoffmann wäre aber auch eine Produktion in der Ukraine keine Garantie für einen Erfolg. Es benötige nämlich "eine gut entwickelte Komponenten-Produktion". Dafür seien die Voraussetzungen in der Ukraine nicht so gut gegeben wie etwa in Deutschland.