Als Matilde Schwencke mit 7,21 Sekunden Rückstand als 27. der Olympia-Abfahrt von Cortina das Ziel erreichte, lag der Fokus längst auf Goldsiegerin Breezy Johnson. Für die Entscheidung spielte sie keine Rolle, zu groß war der Abstand zur Weltspitze. Für Schwencke selbst jedoch erfüllte sich in diesem Moment ein Traum. Sie ist die einzige Athletin aus Chile, die bei den Ski-Alpin-Bewerben an den Start geht.
Es ist ein Moment, der für die 22-Jährige von großer Bedeutung ist. Gegenüber "Heute" sagt sie: "Ich bin extrem stolz. Viele glauben, wir sind Aliens, wissen aber nicht, dass es in Chile sehr wohl Berge gibt. Und unter den Athletinnen habe ich das Gefühl, dazuzugehören."
Dass sie nun zu den nur vier chilenischen Athleten bei diesen Spielen zählt, ist für Schwencke keine Selbstverständlichkeit. Vielmehr versteht sie ihre Teilnahme als Zeichen. "Es ist besonders, unsere Flagge zeigen zu können und der Welt zu beweisen, dass es auch bei uns gute Sportler gibt, die mit derselben Hingabe antreten wie die Konkurrenz."
Die Begeisterung für den Skisport war bei der Südamerikanerin früh da. Bereits mit zwei Jahren stand sie auf Skiern, mit 15 erhielt sie ein Stipendium für eine Wintersportakademie in Vermont (USA). Von diesem Moment an entschied sie sich, ihren Traum vom Profisport mit voller Überzeugung zu verfolgen. "Es erfordert viel Mut und die Bereitschaft, sich dem Leistungssport zu widmen", sagt sie.
Diese Eigenschaften waren auf dem Weg nach Cortina mehrfach gefragt. Zunächst musste sich Schwencke in nationalen Speed-Bewerben durchsetzen, anschließend im Europacup genügend FIS-Punkte sammeln, um sich für die Spiele zu qualifizieren. Der Weg war lang, doch sie schaffte es. Um die Nervosität vor ihrem bislang größten Auftritt zu kontrollieren, entwickelte sie eine eigene Strategie. "Ich manifestiere immer, dass das eigentlich kein großes Rennen ist, sondern ein Wettkampf wie jeder andere. Dadurch bleibe ich relaxed."
Schwencke wird den Rest der Saison im zweitklassigen Europacup bestreiten. Die Erfahrung von Olympia soll ihr dabei auch mental helfen. "Ich bin mir sicher, dass ich nach diesen zwei Wochen schlauer bin, mehr Erfahrung als Athletin habe und dadurch mehr Selbstvertrauen entwickle", erklärt sie.
Einen Rat für die nächste Generation hat sie schon jetzt. "Wenn man diese Strecke mit all den Weltklassefahrerinnen teilt, merkt man erst, wozu man fähig ist. Und das ist deutlich mehr, als man glaubt." Die Geschichte von Matilde Schwencke ist eine leise, aber bemerkenswerte. Eine, die den olympischen Gedanken nicht durch Medaillen, sondern durch Haltung sichtbar macht.