Warum am Balkan Luxus-Geisterstädte entstehen

Eine Einzimmerwohnung in Wien, eine Villa am Balkan: Wie viele Jugo-Familien lebt auch meine einen Widerspruch.
Seit nunmehr über 20 Jahren lebe ich in Wien. Viel hatten meine Eltern nicht, als wir wegen des Balkan-Kriegs unsere alte Heimat verließen und ein neues Leben in Wien begannen.

Warum wir ausgerechnet in die österreichische Hauptstadt zogen, weiß ich nicht so genau. Da würden Arbeitsplätze gesucht, meinte meine Mutter. Und am Balkan tendierten die Chancen auf einen Job zu dieser Zeit gegen Null.



Über diesen Blog

Hallo und herzlich willkommen zu "Hajde", dem Balkan-Blog auf "Heute.at"! Unser Blogger ist zwischen Sarma und Wiener Schnitzeln aufgewachsen. Wie das so ist? Er verrät´s euch in seinen Kolumnen. Übrigens: "Hajde" bedeutet auf Deutsch so viel wie "Los geht´s!"

Und was ist für euch typisch Balkan? Eure Inputs sind willkommen unter balkanblog@heute.at
So viel sei verraten: Das große Geld verdienten meine Eltern hier nicht. Es reichte eben gerade so zum Überleben. Zunächst wohnten wir in einer Ein-Zimmer-Wohnung in Favoriten, später in einer etwas größeren in Transdanubien. Luxus gab es keinen. Zumindest nicht in Wien.

CommentCreated with Sketch.102 Zu den Kommentaren Arrow-RightCreated with Sketch. Denn obwohl es in unserer kleinen Wohnung nur gerade fürs Nötigste reichte, entschlossen sich meine Eltern, ein Haus zu bauen – etwas außerhalb Wiens. So etwa 600 Kilometer südlich, um genau zu sein.

Sie waren nicht die einzigen, die ihre Wurzeln nicht vergessen hatten. In der alten Heimat entstanden Häuser, die man fast nicht mehr als solche bezeichnen kann. "Villen" oder "Paläste" trifft es in vielen Fällen schon viel eher.



Glaubt ihr nicht? Ein Blick in das serbische Dorf Gomilica reicht aus, um jeden Zweifler zu überzeugen. Hier stehen Villen eng an eng beieinander. Doch wirklich lebendig sieht der Ort nicht aus. Er gleicht einer Luxus-Geisterstadt. Der Grund: Die Besitzer leben und arbeiten alle in Österreich oder Deutschland.

Sie investierten ihr Geld in Paläste, in denen nun niemand wohnt. Ein Einwohner meint dazu: "Als es den Schilling noch gab, hat der Nachbar zwei Stockwerke gebaut. Also hab' ich drei gemacht. Das war ein Wettkampf."



Gomilica ist nicht die einzige Luxus-Geisterstadt am Balkan. In ganz Ex-Jugoslawien sind Ortschaften verstreut, deren Prachtbauten es problemlos mit Hollywood aufnehmen könnten. Während einigen Tagen im Sommer wirkt es auch so, als ob hier tatsächlich wer leben würde.

Denn dann kehren die Austro-Jugos wieder in ihre alte Heimat zurück. Nicht, um Urlaub zu machen – nein. Denn in dem einen Jahr sammelt sich Staub und wuchert das Gras. Die wenigen Tage werden also damit verbracht, Ordnung im Palast zu machen, bevor es wieder zurück in die Einzimmerwohnung nach Wien geht.

Auch meine Familie ist mittlerweile im Besitz eines riesigen Hauses am Balkan. Wann wir zuletzt dort waren? Ich erinnere mich nicht. Wann wir das nächste Mal hinfahren? Weiß ich genauso wenig. Aber wie heißt es so schön: "Wer hat, der hat". Auch wenn es niemanden etwas bringt...



>>>> Teil 1: Fluchen mit Balkan-Mama – ein Crash-Kurs

>>>> Teil 2: Balkan-Mamas größte Angst: Ich, unverheiratet

>>>> Teil 3: Meine Freundin, ein Svabo – für Mama ein Skandal

>>>>Teil 4: Der Balkan – die Hölle für Veganer

>>>>Teil 5: Die Balkaner, ihre große Liebe zu Rakija – und ich

>>>>>Teil 6: Weshalb wir Balkan-Kinder so auf Rap abfahren

Fünf Dinge, die jedes Balkan-Kind kennt

Fünf Dinge, die jedes Balkan-Kind kennt – Teil 2

(red)
Nav-AccountCreated with Sketch. red TimeCreated with Sketch.| Akt:
KolumneCommunity

ThemaCreated with Sketch.Mehr zum Thema