Dein erstes Runner's High vergisst du nie wieder!

Der menschliche Körper ist ein chemisches Wunderwerk. Man muss nur die richtigen Knöpfe drehen, um das herauszufinden.
Da steh ich also inmitten tausender Gleichgesinnter am Start meines ersten Halbmarathons. Die noch vor wenigen Stunden etwas an mir nagende Unsicherheit, ob ich denn eh das Richtige tue, ist längst einem Gefühl der Unbesiegbarkeit gewichen. Fix wird der vor mir liegende Weg in den nächsten zwei bis zweieinhalb Stunden überwunden werden, lässt mich mein Adrenalinspiegel unmissverständlich wissen.

Körpereigener Aufputschcocktail



Und das Hormon, das in meinen Nebennieren in dem Moment überproportional stark produziert wird, sollte Recht behalten. Durch den körpereigenen Aufputschcocktail, der sich vom Scheitel bis in die Sohlen verteilt hatte, laufen die Beine nach der Startfreigabe für meinen Block wie von selber. Die kleine Steigung die Reichsbrücke hinauf ist schnell erledigt, der Rundumblick auf Wien und die beiden Arme der neue Donau versüßt dem Teilnehmerfeld den ersten Kilometer.

Viel Zeit, die Aussicht zu genießen, hat man aber nicht und ehe man es sich versieht hat man schon den Praterstern erreicht. Links und recht der Strecke jubeln einem wildfremde Leute zu, viele strecken den Läufern ihre Arme entgegen, um ein Highfive zu ergattern. Die, die nicht allzu fokussiert auf ihre Füße starren, klatschen bereitwillig ein.

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Auf jeden Fall steigt der Amoniakgehalt im Grundwasser der Leopoldstadt.


Nach zweieinhalb Kilometern biegt das Feld auf die Prater Hauptallee ein. Dort traute ich meinen Augen nicht. Wenige Minuten nach dem Start flitzten dort schon zahlreiche Hobbysportler in die Büsche um sich zu erleichtern. Schwache Blase, Nervosität oder blanke Angst? Keine Ahnung. Auf jeden Fall steigt der Amoniakgehalt im Grundwasser der Leopoldstadt am Marathonvormittag jedes Jahr um ein paar Prozentpunkte.

Kurz vor Kilometer 5 verlässt das Feld die breite Allee, die schon fast 500 Jahre adelige Jagdgeschichte auf dem Buckel hat. Zum ersten Mal darf man nun auch an einer Labstelle den Flüssigkeitshaushalt des Körpers auffüllen. Wasser und isotonische Getränke werden schon einige hundert Meter vorher durch das ohrenbetäubende Geklackere von tausenden Plastikbechern, die von ebenso vielen Laufschuhe in den Asphalt getreten werden, angekündigt.

Keinerlei Probleme



Gestärkt geht es auf den nächsten Streckenabschnitt. Auf rund drei Kilometern läuft man nun die Schüttelstraße den Donaukanal flußaufwärts bis zur Urania. Auch hier warten an jeder Brücke Schaulustige und Fans, die den Sportlern unermüdlich zujubeln. War es auf der Reichsbrücke und auf der Hauptallee noch ein enges, fast schon ungemütliches Gedränge, hat man jetzt spürbar mehr Platz. Das Feld lichtet sich etwas. Wer gut trainiert in den Wettkampf gegangen ist, der sollte bislang auch keinerlei Probleme mit der Herausforderung haben.



Das gilt auch für mich. Die nächsten zwei kurzen Kilometer geht es den Ring bergauf. Von der Urania über den Schwarzenbergplatz bis zur Oper bietet der Abschnitt vor allem für die Vielzahl an Sportlern, die jedes Jahr aus dem Ausland zum VCM kommen, einiges zu sehen. Sightseeing im Vorbeilaufen, quasi.

Emotionales Loch



Was nach dem Abbiegen von der Oper auf den Naschmarkt folgt, war rückblickend bei meinem ersten Halbmarathon in Wien die schwierigste Etappe. Irgendwie falle ich zwischen Kilometer dreizehn und sechzehn (zwischen der U4 Pilgramgasse und Schönbrunn) in ein emotionales Loch. Okay, das klingt komisch, ich muss nicht weinen, oder so. Es fällt mir aber auf den drei Kilometern irgendwie schwer, mich zu konzentrieren und die Motivation hochzuhalten. Das Adrenalin, das mich am Start noch positiv hergebeutelt hat, ist längst ausgeschwitzt.

Körperlich gibt es nach wie vor nichts zu bemängeln. Also überwinde ich den jetzt extrem nervenden Schweinehund und laufe weiter. Nach mehr als drei Vierteln der Strecke wird sicherlich nicht aufgegeben. Die Kehre beim altehrwürdigen Schloss Schönbrunn hinter mir, ziehe ich am Technische Museum vorbei auf die äußere Mahü ein. Jetzt sind es nur mehr fünf Kilometer. Und, was sowohl vom läuferischen Aspekt und noch viel wichtiger auch für die mentale Glückseligkeit extrem wichtig ist, es geht von nun an leicht bergab.

Das Ziel geistig schon vor Augen erweist mir mein Körper jetzt den größten aller Dienste, die er mit den in ihm schlummernden chemischen Botenstoffen zu leisten im Stande ist. Er schenkt mir auf den letzten Kilometern ein endgeiles Runner's High. Wie auf Wolken schwebe ich dank der von mir selber produzierten Endocannabinoide die Mariahilfer Straße hinunter Richtung Ring.

Alles dank der Safteln in meinem Nervensystem.


Die Lustlosigkeit, die mich noch kurz vorher geplagt hat, war einer grandiosen Euphorie gewichen. Ich fühle mich leicht, ich fühle mich schnell, ich fühle mich stark, ich fühle mich geil. Ich grinse von einem Ohr zum anderen. Obwohl ich eigentlich komplett fertig sein sollte. Alles dank der Safteln in meinem Nervensystem.

Das auf den letzten Metern vor dem Ziel wieder stark angewachsene Publikum trägt sein übriges zu dem wahnsinnigen Hochgefühl (das sich am ehesten mit der Euphorie bei einem guten MDMA-Rausch vergleichen lässt, so hört man) bei.

Mit einer Nettozeit von 2 Stunden 19 Minuten und 12 Sekunden habe ich am 13. April 2014 meinen ersten Halbmarathon, eine Strecke von 21,1 Kilometer, zurückgelegt. Unpackbar eigentlich. Unpackbar leiwand. Und dank des Runner's High war ich jetzt mehr angefixt als vorher. Ich will so schnell wie möglich wieder laufen. Und das tue ich auch.

Alle Infos zum Vienna City Marathon 2019 sowie der Winterlauf-Serie findet man auf der offiziellen Homepage der Veranstaltung.

Die schrägsten Marathon-Outfits von Wien

(baf)

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