Während Österreichs Gletscher immer schneller schmelzen, sorgt ausgerechnet ein Bagger auf dem Pitztaler Gletscher für heftige Diskussionen. Seit Montag zeigen Bilder einer Webcam, wie eine Baumaschine an der Gletscherzunge des Mittelbergferners arbeitet. Die Aufnahmen verbreiten sich in den sozialen Medien und lösen zahlreiche kritische Reaktionen aus.
Die Pitztaler Gletscherbahnen verteidigen den Einsatz als notwendige Sicherung eines Notwegs. Die zuständige Behörde hat die Arbeiten mittlerweile überprüft und sieht laut Land keine Notwendigkeit für eine zusätzliche naturschutzrechtliche Bewilligung.
Ausgangspunkt der Aufregung sind Aufnahmen der Webcam bei der Braunschweiger Hütte. Darauf ist seit Montag ein Bagger zu erkennen, der im Bereich der Gletscherzunge des Mittelbergferners Erd- und Planierarbeiten durchführt.
Die Bilder wurden im Internet tausendfach geteilt. Auf den offiziellen Kanälen der Gletscherbahnen häuften sich kritische Kommentare. Ein Nutzer warf den Betreibern vor, den Gletscher "ganz bewusst" zu zerstören, damit der Skibetrieb weitergehen könne.
Ein anderer kommentierte: "Was der Klimawandel in Jahren macht, schafft der Pitztal-Bagger in einer Nacht." Mehrere Personen verlangten eine Erklärung für die Arbeiten. Bis Mittwochfrüh gab es auf den sozialen Kanälen der Betreiber dazu laut dem Bericht keine Stellungnahme.
Auf Anfrage des ORF teilten die Pitztaler Gletscherbahnen mit, dass es sich um "Instandhaltungsmaßnahmen" handle. Konkret gehe es um die Sicherung eines Notwegs innerhalb des Skigebiets.
Wegen des fortschreitenden Gletscherrückgangs seien diese Arbeiten "unabdingbar notwendig", um den Betrieb aufrechterhalten zu können. Auch das Land Tirol bestätigt den angegebenen Zweck. Die Maßnahmen würden "der Wiederherstellung der Anbindung der Wegtrasse vom Gletschereis an das eisfreie Gelände dienen".
Welche Abschnitte des Notwegs konkret betroffen sind, blieb allerdings offen. Einen angefragten Lageplan wollten die Gletscherbahnen nicht übermitteln.
Die zahlreichen Beschwerden beschäftigten auch die Behörden. Bei der Landesumweltanwaltschaft und der Bezirkshauptmannschaft Imst gingen Hinweise zu den Baggerarbeiten ein. Auch der Alpenverein schaltete seine Rechts- und Umweltexperten ein.
Die BH Imst veranlasste daraufhin eine Überprüfung. Nach Angaben des Landes ist für die aktuellen Arbeiten keine gesonderte naturschutzrechtliche Bewilligung erforderlich.
Für Gletscherskigebiete gibt es demnach ein eigenes Verfahren: Die Betreiber müssen geplante Instandhaltungs- und Instandsetzungsmaßnahmen laut ORF für jeweils drei Jahre vorlegen und behördlich genehmigen lassen: "Dies gilt auch für den Pitztaler Gletscher und wird dort ebenso gehandhabt."
Die Gletscherbahnen verweisen gegenüber dem ORF auf die starken Veränderungen im Hochgebirge. In den vergangenen drei Jahren hätten geringe Schneemengen im Winter und hohe Sommertemperaturen den Rückgang des Gletschers weiter verstärkt. Deshalb seien Anpassungen im Übergangsbereich zwischen Eisflächen und Geröll notwendig.
Laut Betreiber würden im Rahmen der genehmigten Arbeiten "ausschließlich notwendige Anpassungs- und Ergänzungsmaßnahmen im Übergangsbereich vom Gletscher zu Stein- und Geröllflächen" vorgenommen. Die Umsetzung erfolge "in direkter Abstimmung" mit der zuständigen Behörde.
Die Erklärungen der Betreiber beenden die Kritik allerdings nicht. Die Landesumweltanwaltschaft begrüßt die Hinweise aus der Bevölkerung. Umweltanwalt Walter Tschon betont, man sei "froh" darüber, dass so viele Menschen auf die Arbeiten aufmerksam gemacht hätten.
Besonders wichtig sei die Prüfung, weil der Gletscherbereich "besonders schützenswert" sei. Der WWF sieht in den Arbeiten ein grundsätzliches Problem. Die Umweltorganisation warnt davor, dass der Klimawandel immer neue bauliche Eingriffe in Gletscherskigebieten erforderlich machen könnte.
Im konkreten Fall spricht sie von "fragwürdigen Baggerarbeiten". "Die Gletscher schmelzen, die Baustellen wachsen. Tirol muss diesen Teufelskreis durchbrechen und seine letzten Gletscherlandschaften besser schützen", fordert Maximilian Frey vom WWF Tirol gegenüber dem ORF.
Die Organisation verlangt strengere Regeln für Ausnahmen vom Gletscherschutz.
Wie angespannt die Lage in Österreichs Hochgebirge ist, zeigen auch die Beobachtungen der Glaziologin Andrea Fischer. Sie bezeichnete 2026 als ein Jahr mit besonders starker Gletscherschmelze.
Im vergangenen Winter sei rund 30 Prozent weniger Niederschlag als üblich gefallen. Nachdem die Gletscher ihre Schneedecke verloren hatten, setzte eine besonders intensive Schmelzphase ein. An heißen Tagen gingen laut Fischer bis zu zehn Zentimeter Eisoberfläche verloren.
Die aktuellen Baggerarbeiten finden in einem Gebiet statt, in dem schon länger über weitere Erschließungen diskutiert wird. Im Bereich des Linken Fernerkogels ist eine neue Seilbahn geplant. Damit sollen künftig auch Abfahrten über den bislang nicht erschlossenen Karlesferner und den Mittelbergferner möglich werden.
Anfang des Jahres entschied der Verwaltungsgerichtshof allerdings, dass das Projekt einer Umweltverträglichkeitsprüfung unterzogen werden muss. Damit bestätigte das Höchstgericht eine frühere Entscheidung des Bundesverwaltungsgerichts.
Der WWF fordert nun, die gesamte Geländekammer beim Linken Fernerkogel zwischen Pitztal und Ötztal in das Ruhegebiet Ötztaler Alpen aufzunehmen.