Ungewöhnliche Szenen spielten sich am Samstagnachmittag am Flughafen München ab. Wie von "Heute" berichtet, sorgte eine Boeing 787 der Vietnam Airlines für Schreckmomente. Denn beim Start von Flug VN34 nach Hanoi fuhr der Pilot ungewöhnlich weit über die Startbahn und wirbelte dabei gehörig Staub auf. Erst in letzter Sekunde schaffte es der Dreamliner doch noch in die Luft. Wäre das dem Piloten nicht gelungen, hätte Experten zufolge eine Katastrophe mit zahlreichen Todesopfern gedroht.
Auch für den renommierten Luftfahrtexperten Patrick Huber ist klar, dass "dieser Jet ganz knapp an einer Katastrophe vorbeigeschrammt ist". Wäre der Start misslungen, sei davon auszugehen, dass der mehr als 200 Tonnen schwere Jet "mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in einem Feuerball explodiert" wäre, so der Fachmann zu "Heute". Warum es zur Beinahe-Katastrophe gekommen ist, könne aber erst die Untersuchung mit Sicherheit beantworten.
Ob der Pilot das Flugzeug gerettet oder seinen Teil zur gefährlichen Situation beigetragen hat, müsse ebenso durch die Untersuchungskommission geklärt werden. Denn die Startpiste sei 4.000 Meter lang, eine vollbeladene Boeing 787-9 benötige für einen reibungsfreien Start allerdings "nur zwischen 2.800 und 3.200 Meter", so Huber.
Für den Experten ist – ohne den Untersuchungen vorzugreifen – klar, dass die Maschine "nie bis 210 Meter vor Ende der 4.000 Meter langen Piste" hätte kommen dürfen. "Die Piloten hätten den Start in jedem Fall viel früher abbrechen müssen, nach allem was wir bisher wissen", so sein Fazit.
Grundsätzlich berechnen Piloten vor jedem Start die Entscheidungsgeschwindigkeit, genannt V1 aufgrund mehrerer Faktoren – Wind, Temperatur, Seehöhe des Flughafens, Gewicht. Das ist jene Geschwindigkeit, bis zu der ein Start auf der verbliebenen Piste noch sicher abgebrochen werden kann. Piloten müssten davon unabhängig auch "ihr Können und ihren Hausverstand benutzen".
Huber geht davon aus, dass den Piloten bereits nach etwa 1.500 Metern hätte auffallen müssen, dass die Maschine nicht die gewünschte Geschwindigkeit erreicht hat. Ein Video zeigt die Beschleunigung des Flugzeugs während des Startvorgangs. Diese ist für den Fachmann "definitiv nicht normal". Zu diesem Zeitpunkt wären der Crew dann noch zwei Optionen geblieben:
Das Verhalten des Piloten trotz der Vorkommnisse den Start fortzusetzen, stellt für den Luftfahrtexperten jedenfalls ein "hinterfragenswertes Verhalten" dar.
Ein möglicher Erklärungsansatz könnte ein Fehler bei den Berechnungen sein. "Das wäre eine Möglichkeit, die sehr plausibel klingt", so Huber, der allerdings dem Abschlussbericht nicht vorgreifen möchte und darauf verweist, dass ein schuldhaftes Zutun des Piloten erst bewiesen werden müsse.
Aufgrund der Daten des Flugschreibers und des Stimmenrekorders werde man den genauen Ablauf sicherlich lückenlos nachvollziehen und die Ursache dieses schweren Zwischenfalls aufklären können, so Huber.