Bootcamps für Schüler? Experte zerreißt FPÖ-Plan

Wiens Vize Dominik Nepp (FPÖ) fordert Erziehungscamps für gewalttätige Schüler. Laut einem Bildungsexperten haben andere Länder schlechte Erfahrungen damit gemacht.
Geht es nach Vizebürgermeister Dominik Nepp (FPÖ), soll an den Wiener Schulen bald ein anderer Wind wehen. Er fordert "Erziehungscamps für gewalttätige Problemschüler". Bei Polizeivorträgen und Gefängnisbesuchen soll den Jugendlichen aufgezeigt werden, welche Konsequenzen ihr Fehlverhalten haben kann.

Weiter will Nepp für auffällige Schüler verpflichtende Sozialdienste in den Ferien, etwa in Spitälern oder Obdachlosenheimen.

Vernichtendes Urteil von Bildungs-Professor



Kein gutes Haar an diesen Vorschlägen lässt Stefan Hopmann, Professor am Institut für Bildungswissenschaft der Universität Wien. Auf Anfrage von "Heute.at" sagt er: "Es gibt solche Bootcamps in einigen Ländern." Dort, wo es schon länger Erfahrung und unabhängige Forschung dazu gebe – etwa in den USA, Kanada oder Australien – sei das Ergebnis jedoch deutlich.

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"Bootcamps helfen weder den betroffenen Jugendlichen noch sonst jemandem""


Die Erziehungscamps trügen "wenig bis gar nichts" zur Resozialisierung bei, "sie helfen weder den betroffenen Jugendlichen noch sonst jemandem". Deswegen seien inzwischen viele dieser Einrichtungen zurecht wieder verschwunden.

Wesentlich effektiver und kostengünstiger sind laut dem Experten frühzeitige und nachhaltige Interventionen im Umfeld der gefährdeten Jugendlichen. "Dazu gehört insbesondere die Verhinderung von Kinder- und Jugendarmut sowie die Sicherung eines erfolgreichen Schulbesuchs durch zusätzliche Förderung."

Hopmann: Gewalt nimmt insgesamt ab

Hopmann verweist darauf, dass die Möglichkeit, Schüler zu sozialen Diensten zu verpflichten, im Jugendstrafrecht bereits besteht. "Aber auch das macht nur Sinn, wenn es Teil einer umfassenden, professionell betreuten Resozialisierungsstrategie ist." Außerdem entstünden dadurch Kosten, weil den Spitälern, Obdachlosenheimen oder anderen Trägern die Betreuungskosten für die "Hilfskräfte" ersetzt werden müssten. "Also auch hier gilt: Es gibt effektivere und kostengünstigere Maßnahmen im Lebensumfeld der Betreffenden selbst."

Der Experte hält fest: "Jeder Fall von Gewalt ist einer zuviel." Allerdings sieht er "jenseits medialer Aufgeregtheiten" keinen Hinweis darauf, dass es Österreich mit einem massiven Anstieg von Gewaltproblemen zu tun hätte. Im Gegenteil: Gesamtgesellschaftlich sei in den letzten Jahren eine deutliche Abnahme von Gewaltvergehen zu beobachten.

"Die geballten Probleme, die es gleichwohl an einigen Schulstandorten beziehungsweise Wohnumgebungen gibt, wären besser durch entsprechende Investitionen in diesen Schulen und Lebensumfeldern der Jugendlichen aufzufangen", so Hoppmann.

FPÖ-Gudenus prüft Sozialhilfe-Stopp

FPÖ-Mann Nepp begründete seine Forderungen mit den Übergriffen an Wiener Schulen, "wie sie in dieser Form der Brutalität traurige Neuheit" seien. "Messerstechereien, schwere Körperverletzungen, sexuelle Belästigungen – die angezeigten Delikte legen vor allem dar, dass wir es längst nicht mehr mit 'harmlosen' Fällen zu tun haben."

Neben den Schülern will er auch die Eltern in die Pflicht nehmen: Nepp schweben Erziehungskurse für Mütter und Väter, finanzielle Sanktionen oder gar der Entzug der Erziehungsberichtigung vor.

Sekundiert wird er von FPÖ-Klubobmann Johann Gudenus. Dieser will prüfen lassen, ob Familien die Sozialhilfe gekürzt oder gestrichen wird,wenn ein Kind in der Schule wiederholt negativ auffällt.

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(mat/jbu)

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