In den letzten Monaten tauchen immer öfter Videos in den sozialen Netzwerken auf, die gewaltsame Übergriffe auf ukrainische Flüchtlinge in Polen zeigen. Es wirkt, als wäre die Hemmschwelle für solche Taten deutlich gesunken. Sogar Kinder werden immer wieder Opfer solcher Attacken.
So ging vor wenigen Tagen ein Video viral, in dem eine Frau zwei ukrainische Männer attackiert, da diese in ihrer Heimatsprache gesprochen hätten. Nach Beschimpfungen wollte die Polin einen Sonnenschirm auf die Ukrainer werfen.
Des Weiteren hatte das ukrainische Generalkonsulat in Danzig von einem Vorfall in Bydgoszcz berichtet. Ein Mann und eine Frau sollen dort ein 14-jähriges ukrainisches Mädchen und ihren 12-jährigen Bruder aus "nationalistisch motivierter Intoleranz" beschimpft und körperlich angegriffen haben. Laut NTV wurde einem der Kinder der Arm verdreht. Die Täter haben außerdem eine Spielzeugdrohne zerstört und Teile davon nach dem Bub geworfen.
Für großes Aufsehen – auch in der Politik – sorgte ein Fall Mitte Juli. Ein 54-jähriger Mann beschimpfte in einem Bus in Bielsko-Biala ukrainische Mädchen im Alter von elf Jahren wegen ihrer Herkunft als "Huren" und bedrängte sie. Eines der Opfer nahm den Vorfall mit dem Handy auf.
Ebenso viel Aufmerksamkeit erhielt ein Angriff von drei polnischen Männern auf ein ukrainisches Paar in Breslau. Nach einem Streit in einem Geschäft wurde das Paar am Boden liegend weiter getreten. Einer der Angreifer setzte sogar einen Schlagring ein. Die Polizei sprach von einem "nationalistisch motivierten Aggressionsmotiv".
Die Behörden berichten, dass die Angriffe auf Ukrainer in Polen in der ersten Jahreshälfte um 30 Prozent gestiegen sind. Bei Übergriffen, die auf Video festgehalten wurden, konnte die Polizei die Täter meist rasch festnehmen. Polens Innenminister Marcin Kierwinski betonte: "Null Toleranz gegenüber Aggression und Hass".
Gleichzeitig gibt es Politiker – vor allem aus dem nationalistischen Lager –, die Stimmung gegen die Ukraine machen. Andreas Umland vom Europäischen Politik Institut in Kiew sagte NTV im Juni, Präsident Karol Nawrocki sei hier das "Hauptproblem". Nawrocki ist seit 2025 im Amt und fordert eine härtere Linie gegenüber ukrainischen Flüchtlingen.
Die Spannungen zwischen Warschau und Kiew haben sich auch auf höchster Ebene verschärft. Hintergrund ist das ukrainische Gedenken an frühere Nationalisten, besonders an die Unabhängigkeitskämpfer der UPA. Diese Organisation verübte zwischen 1943 und 1945 in Wolhynien Massaker an polnischen Zivilisten, Zehntausende Menschen kamen ums Leben.
Umland betont, die Ukrainer bedauern, was in Wolhynien passiert ist – das sei auch in Polen bekannt. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj ist schon zu Gedenkveranstaltungen ins Nachbarland gereist. Andererseits hat er im Mai eine Militäreinheit nach der UPA benannt. Sein Bürochef Kyrylo Budanow reiste daraufhin sofort zu Gesprächen nach Polen. Verteidigungsminister Wladyslaw Kosiniak-Kamysz sagte: "Für das polnische Volk ist die UPA vor allem das Symbol für Verbrechen, die an wehrlosen Zivilisten begangen wurden". Regierungschef Donald Tusk sprach von einer "Verletzung unserer historischen Sensibilität".
Der Streit wurde durch Budanows Besuch nicht gelöst. Im Gegenteil: Selenskyj gab den 2023 von Polen verliehenen Weißer-Adler-Orden zurück. Präsident Nawrocki meinte dazu: "Ich möchte betonen, dass diese Entscheidung nicht gegen das ukrainische Volk gerichtet ist. Sie ändert nichts an der strategischen Ausrichtung der polnischen Sicherheitspolitik. Wir haben die Ukraine unterstützt und tun dies auch weiterhin."
Budanow erklärte auf Telegram: "Die Ukraine schreibt keinem anderen Volk vor, wie es seine Geschichte zu lehren oder zu bewerten hat. Daher behalten auch wir uns das legitime Recht auf unsere eigene nationale Erinnerung und Würde vor." Er sprach von einem unfreundlichen Akt Nawrockis.
Polen will nun in Warschau ein Denkmal für die UPA-Opfer von Wolhynien errichten. Die Ukraine plant einen "Pantheon" in Kiew, um "herausragende Vertreter der ukrainischen Nation zu ehren". Auch ehemalige Nationalisten könnten dort beigesetzt werden.
Außerdem hat die Ukraine angekündigt, die Untersuchungen zu den Massakern auszuweiten und Geheimdienstarchive zu öffnen. Nach einem Treffen im vergangenen Monat waren sich der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski und sein ukrainischer Kollege Andrij Sybiha laut einer Mitteilung aus Warschau einig, dass "Wahrheit, Respekt und das Gedenken an die Opfer weiterhin zentrale Elemente der bilateralen Beziehungen sind".
Polen hat seit Beginn des russischen Angriffskrieges rund eine Million ukrainische Flüchtlinge aufgenommen. Auch bei Waffen und finanzieller Hilfe für die Verteidigung gegen Russland hat Polen viel beigetragen. Besonders abseits des nationalistischen Lagers wurden die Ukrainer meist mit offenen Armen empfangen.