Manchmal ist er kurz angebunden, manchmal angriffslustig - diesmal nimmt sich der Teamchef richtig Zeit und beantwortet in lockerer Manier alle Fragen zum Team, einzelnen Spielern und dem Wert des österreichischen Fußballs.
Herr Constantini, die Meisterschaft geht in die Endphase und nach dem Derby-Sieg der Austria wird es jetzt nochmals richtig spannend. Wie haben Sie die heurige Saison verfolgt?
Dietmar Constantini: "Salzburg ist mit seinen Möglichkeiten dazu verurteilt, Meister zu werden. Früher waren sie auswärtsschwach, jetzt spielen sie konstant und gewinnen - meistens - auch die Auswärtsspiele.
Wie stehen sie dazu, dass Spieler, die von Rapid, Austria oder Sturm zu Salzburg gehen, als geldgeil abgestempelt werden?
"Ich finde es ungerecht, wenn gesagt wird, jemand ginge nur wegen des Geldes nach Salzburg. Ich kenne keinen in der Privatwirtschaft, der nicht die Firma wechselt, wenn er ein Angebot von 18.000 Euro bekommt und jetzt 2.000 Euro verdient. Geld ist im Leben nicht unwichtig. Wie lange kann ein Fußballer spielen? Zehn, zwölf, 14 Jahre, 16 Jahre wenn er leichtfüßig ist."
Red Bull Salzburg ist auch in der Europa League weiter gekommen als Rapid, Austria und Sturm. Auch ein Anreiz?
"Schade, dass sie ausgeschieden sind. Vor allem, weil sie bereits 2:0 vorne waren. Das ist eine Kopfsache. Du bekommst ein Tor und kriegst Angst, das Spiel noch zu verlieren, statt zu glauben, dass du noch gewinnst.
Du bist als Trainer nie die letzte Instanz, die letzte Instanz ist immer der Spieler. Wenn er in gewissen Phasen die Klasse nicht hat, kannst du nicht gewinnen. Du kannst überraschen, aber nicht auf einem Level spielen, wo die anderen schon sind."
Ist es da gestattet, einen Vergleich zwischen Österreich und dem Rest Europas zu ziehen?
"Es ist meiner Meinung nach nicht erlaubt, dass man eine Vereinsmannschaft mit dem Nationalteam vergleicht. Das Nationalteam ist immer Spiegelbild vom Land. Wir haben eine kleinere Liga als Deutschland oder Frankreich, das meiner Meinung nach die am weitesten unterschätzte Liga Europas hat.
Wir sind seit Jahren nicht in der Champions League vertreten, aber man hat bei allen österreichischen Teams, die in die CL gekommen sind, beobachten können, dass sie zuvor im UEFA-Cup erfolgreich waren. Die internationalen Spiele sind unbezahlbar.
In diesem Vergleich sind wir von der Spitze also weit weg, aber mit dem Nationalteam sollen wir dann Kroatien schlagen!"
Im CL-Halbfinale Barcelona gegen Inter hat Marko Arnautovic nach Spielende beim Gang in die Kabine einige unnette Gesten Richtung Barca-Fans gemacht. Wie haben Sie das verfolgt und was macht ein Teamchef, wenn er so etwas sieht?
"Ich hab das gar nicht gesehen, aber ich kann nicht jeden begleiten. Der eine hat mehr Klasse, der andere weniger. Wenn ich zu den gegnerischen Fans hingehe und gestikuliere, ist das das Letzte."
Wie sehen sie sonst die Entwicklung von Marko Arnautovic?
"Arnautovic ist auf seine Art eigen. Er ist, wie er ist. Da ist die Frage, ob er im Kollektiv nicht mehr kaputt macht als er bringt. Der spielt in Holland und beweist, dass er es kann, dann kommt er zu Inter und spielt dort 55 Minuten. Aber er kann die Kurve noch kriegen, das Potenzial hat er unbestritten. Mourinho hat ein Auge, ob er jemanden braucht oder nicht. Ob das allerdings nicht wieder ein bis zwei Jahre dauert, bis er wieder so gut ist wie in Holland?"
Welche Bilanz Didi Constantini hat, warum er Peter Pacult recht gibt, bewusst keine ruhigen Weihnachten haben wollte und wieso Ümit Korkmaz ein ganzes Stadion verrückt macht, lesen Sie auf Seite 2!
Auf was achten Sie, wenn sie ihr Team zusammenstellen?
"Das einzig wichtige ist, dass du gewinnst. Es ist ein Problem, dass Österreich ein kleines Fußballland ist und die Spieler, die ins Ausland gehen, dann dort oft nicht spielen.
Pacult hatte völlig recht, als er gesagt hat: Wenn einer mit dem Hintern wackelt, ist er im Nationalteam. Gewisse Spieler kennst du halt erst, wenn sie da sind. Ich hab auch schon Spieler angerufen, dass ich nicht einverstanden bin mit ihrer Körpersprache, wie sie sich gebärden, wenn sie eine gelbe Karte bekommen als Nationalspieler. Sie stellen ein Vorbild dar in Österreich."
Wie ist die Qualität österreichischer Spieler?
"Es gibt Spieler in der Regionalliga, die könnten ohne weiteres in der Bundesliga spielen, haben aber den Kopf dafür nicht. Umgekehrt gibt es Spieler in der Bundesliga, die würden auch in der Regionalliga nicht auffallen."
Unter ihrer Führung hat das Nationalteam eine bislang ausgeglichene Bilanz mit vier Siegen, vier Niederlagen und einem Unentschieden. Wie sieht die in Worte gefasste Bilanz aus?
"Es war in diesem Jahr zumindest so, dass wir nach einem Treffer nicht gleich weggebrochen sind. Ich will aber bewusst die Einstellung nicht loben, denn die ist die Basis bei einem Spitzensportler.
Der gefährlichste Spieler im Team ist Schiemer - und der ist ein Innenverteidiger. Wir müssen wilder werden. Unsere spielen mehr auf Beruhigen und spielen den Querpass.
Rudi Quehenberger hat im Dezember zu mir gesagt: warum spielst nicht gegen Liechtenstein das letzte Spiel? Da gewinnst 2:0 und hast über Weihnachten deine Ruhe.
Aber ich wollte gegen Spanien spielen. Ich glaube, die Mannschaft kann sich nur weiterentwickeln, wenn wir gegen Teams spielen, die besser sind als wir."
Ümit Korkmaz trumpft in Deutschland gerade auf. Wird er am 19. Mai im Team gegen Kroatien sein?
"Ja. Korki hat im Sommer Pech gehabt. Potenzial hat er immer gehabt, der hat ein Stadion verrückt gemacht, wenn er rein gekommen ist. Korki ist von der menschlichen Seite her sensationell, lieb und auf Fußball fokussiert. Der spielt mit einem doppelten Jochbeinbruch, der will einfach unbedingt. Das ist perfekt, aber auch gefährlich. Da kann immer wieder was passieren.
Das ist mit Okotie auch so. Da bist du jung, denkst dir, was kostet das Leben, gehst feiern und plötzlich hast du so eine Verletzung. Dann kommen die Gedanken, ob du jemals wieder spielen kannst."
Nach der WM in Südafrika geht es gleich in die Qualifikation für die EM 2012. Österreich ist dabei in eine starke Gruppe gelost worden. Was ist für das Team möglich?
"Wir spielen praktisch gegen drei asiatische Länder um die Euro-Quali. Rein vom Können her ist die Türkei eine Weltmacht. Kasachstan wird schwerstens unterschätzt, Aserbaidschan genauso. Kasachstan hat finanziell wahrscheinlich mehr Möglichkeiten als wir, das Land ist größer als Mitteleuropa.
Ich habe vor kurzem ein Video gesehen vom Spiel Kasachstan gegen Kroatien. Das sollten sich einige ansehen, die glauben, dass die nicht Fußball spielen können.
In der Gruppe kannst du Zweiter werden genauso wie Fünfter. Belgien ist unsere Wellenlänge, obwohl auch die stärker sind, als viele glauben. Wir suchen immer nach den Zwergen und finden sie nicht, weil wir selber ein Zwerg sind. Wir müssen arbeiten, arbeiten, arbeiten."
Warum der Teamchef von Hoffer überrascht ist, er von Andreas Ibertsberger enttäuscht ist und was er zu György Garics zu sagen hat, lest ihr auf Seite 3!
György Garics hat sie einmal kritisiert und ist jetzt nicht mehr im Team. Wie ist das Verhältnis?
"Garics ist ein intelligenter 'Bua'. Er hat sofort erkannt, dass er italienisch lernen muss und hat das perfekt gemacht. Aber er ist für mich auch einer, der etwas zu sein vorgibt, das er dann nicht bringt. Der György geht dir irgendwann einmal am Geist.
Ich glaub, dass er sich verändert hat. Jetzt ist er nur mehr am Reden und ist auch nicht der Offensiv-Verteidiger, der er vorgibt zu sein. Was macht ein Offensiv-Verteidiger? Der muss einmal ein Tor auflegen, eine Flanke bringen oder selber ein Tor machen. Was hab ich von einem Offensiv-Verteidiger, der nicht ein Tor auflegt?"
Auch Andreas Ibertsberger ist nicht mehr im Team, obwohl er bei Hoffenheim gesetzt ist. Gab es da Probleme?
"Ibertsberger hat mich sehr überrascht. Vor dem Kamerun-Spiel hab ich ihn gefragt, wie es ihm geht, ob er fit ist und er sagt zu mir, er fühlt sich nicht gut. Ich hab dann den Arzt und den Physiotherapeuten zu mir geholt und gefragt, warum sie mir das nicht sagen. Daraufhin haben sie mir erzählt, dass er vor fast jedem Spiel kommt und sagt, dass er sich nicht gut fühlt.
Ich glaube, das ist eine Frage der Belastbarkeit. Nationalteam ist eine ganz andere Geschichte. Es ist auch gut, dass wir fünf Millionen Teamchefs haben. Aber wenn du im Nationalteam einmal dabei warst, wenn es nicht so gut gelaufen ist, oder sogar schuld an einer Niederlage warst, ist das eine ganz andere Belastung als wenn du bei Innsbruck oder Rapid einen Fehler machst.
Ich brauch eine Mannschaft mit Spielern, die alles gewinnen wollen und nicht lange nachdenken, wenn es mal nicht rennt."
Immer mehr junge Spieler gehen ins Ausland. Wie sehen sie diese doch durchaus positive Entwicklung?
"Ich glaub, dass fast zu viele ins Ausland gehen von den Jungen. Wenn man analysiert, wie viele zurück und dann ins Team gekommen sind, sind das wenige. Für mich entscheiden Familie und Manager zu viel, wo der Spieler hingeht."
Chelsea hat sich etwa bereits früh die Dienste von Philipp Prosenik, dem Sohn eines Ex-Topspielers, gesichert.
"Philipp weiß, worum es für ihn geht. Der hat Potenzial, der ist ein Talent. Entscheidend ist es aber dann mit 18, 19, 20 - so wie bei Arnautovic.
Viele machen gern den Cristiano Ronaldo nach. Der ist absolute Weltklasse. Aber der hat auch eine Phase gehabt, da ist er sechs, sieben Mal über den Ball drüber gestiegen, obwohl gar kein Gegenspieler da war.
Scolari hat ihm dann gezeigt, wie es geht. Da hat er gelernt, dass es reicht, wenn er ein, zwei Mal drüber steigt und am Gegner vorbei ist."
Jimmy Hoffer ist letzten Sommer nach Italien gegangen. Bis jetzt konnte er sich bei Napoli nicht durchsetzen. Kann er noch die Kurve kriegen?
"Beim Hoffer hab ich mir eigentlich gedacht, der beißt sich überall durch, so wie der ist, wie der spielt, der ist nicht zu halten. Da hab ich mich getäuscht, weil ich geglaubt habe, dass er gefestigter ist. Es wird einem dann oft vorgehalten, wo einer her kommt, dass er aus einfachen Verhältnissen kommt. Einfache Verhältnisse sind aber oft der bessere Nährboden. Aber der Jimmy hat definitiv ein Jahr verloren."
Christian Fuchs befindet sich mit Bochum im Abstiegskampf. Was würden Sie ihm empfehlen?
"Der Fuchsi hatte, glaub ich, ein Angebot von Stuttgart und sie haben ihn nicht gehen lassen. Vom Charakter her ist er ein Top-Spieler, gibt immer alles und würde am liebsten 90 Minuten lang nach vorne arbeiten und hinten musst dann einen Stuntman reinhauen. Aber er macht seine G?schicht und hat sich auch dort durchgesetzt, weil er ist, wie er ist. Es wäre nicht schlecht für ihn, einmal bei einer Mannschaft zu spielen, die nichts mit dem Abstieg zu tun hat."
Christoph Leitgeb hat heuer für Salzburg fünf Tore erzielt. Im Nationalteam ist ihm da der Knopf noch nicht aufgegangen. Warum?
"Leitgeb ist ein sensationeller Fußballer, der alles drauf hat. Er lässt sich aber immer noch beeinflussen, wenn er einen Fehler macht. Die Körpersprache ist katastrophal, aber ein Fehler ist das normalste was es gibt, speziell im Fußball. Auch Weltklasse-Spieler machen Fehler."
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