Plötzlich Papa – und auf einmal ist vieles anders. Schlafmangel, Verantwortung und ein komplett neuer Alltag. Worüber kaum gesprochen wird: Auch Väter kämpfen nach der Geburt oft mit Einsamkeit oder psychischer Belastung.
Von sogenannter Papa-Depression ist immer öfter die Rede – ein Thema, das lange tabu war und oft unerkannt bleibt.
"Der Übergang zur Elternschaft stellt ein einschneidendes Lebensereignis dar, und aus Studien weiss man, dass eine Übergangsphase häufig mit Einsamkeitsgefühlen einhergeht", erklärt Psychologin Simona Palm zu "20 Minuten".
In dieser Zeit müsse man sich auf neue Situationen einlassen. "Radius, Energie und Zeit sind eingeschränkt. Das führt oft zu weniger Austausch – sowohl in der Partnerschaft als auch im Freundeskreis."
Genau hier setzen sogenannte "Daddy Walks" an. Die Idee entstand in den späten 2010er-Jahren in Großbritannien. Väter begannen, sich regelmäßig zu treffen, gemeinsam mit Kinderwagen spazieren zu gehen und dabei offen über ihren Alltag zu sprechen.
Inzwischen haben sich daraus in mehreren Städten fixe Gruppen entwickelt – etwa in London, Manchester aber auch in Los Angeles (USA). Auch in Deutschland ist der Trend angekommen, wie der Aufruf zu einem "DADDY WALK" in Düsseldorf zeigt. Dahinter stehen keine Organisationen, sondern ganz normale Väter, die selbst erlebt haben, wie isolierend die erste Zeit mit Baby sein kann.
Viel Aufmerksamkeit erhielten die "Dad Walks" in Großbritannien vor zwei Jahren, als Prinzessin Kate an einem dieser Spaziergänge teilnahm.
Kein Programm, kein Druck. Gerade diese Niederschwelligkeit ist der Schlüssel – viele Männer tun sich schwerer, aktiv Hilfe zu suchen oder über Probleme zu sprechen. Die Spaziergänge bieten dafür einen Zugang, der funktioniert: Gespräche entstehen nebenbei, ohne Zwang. Für viele ist das der erste Schritt, sich überhaupt zu öffnen.
Freundschaft und Elternschaft gehören zu den Themen, die es selten in Erziehungsratgeber schaffen. "Viele Väter berichten, den Anspruch zu haben, nach der Arbeit sofort nach Hause zurückgehen zu wollen, um bei der Familie zu sein oder die Partnerin zu entlasten", sagt Palm. Auch das kann dazu führen, dass soziale Kontakte wegfallen.
Umso wichtiger ist es, Gleichgesinnte zu finden, gerade in einer Phase, die von Schlafmangel und neuen Routinen geprägt ist. Das findet auch die Psychologin: "Es kann helfen, den Rollenwechsel zu akzeptieren und sich auf neue Aktivitäten einzulassen – auch wenn sie zunächst fremd wirken", sagt Palm. "Darüber entstehen oft neue Kontakte."
Dass die Idee funktioniert, zeigt sich in den Kommentarspalten solcher Gruppen. "Ich bin so viel ausgeglichener, wenn ich mit anderen Eltern im Austausch bin" oder "Eine Kultur zu schaffen, in der man für seine Kinder und sich selbst da ist. Genial".
Ganz ohne Kritik bleibt der Trend aber nicht. In sozialen Netzwerken wird immer wieder vom "Bare Minimum" gesprochen – also davon, dass Väter für Selbstverständlichkeiten gefeiert werden. Andere stören sich daran, dass bei manchen Treffen auch Bier getrunken wird.
Der Vorwurf: Was bei Papas noch als locker durchgeht, würde bei Müttern wohl deutlich schneller für Aufregung sorgen.