Mundspülungen gehören für viele zur täglichen Zahnpflege einfach dazu. Die bunten Flüssigkeiten versprechen frischen Atem, Schutz fürs Zahnfleisch und eine antibakterielle Wirkung. Doch genau diese kann laut Expertin mehr schaden als nützen.
"Viele frei verkäufliche Mundspülungen wirken wie ein starkes Desinfektionsmittel", warnt Zahnärztin Kristin Arp im Interview mit "FOCUS online". Das Problem: Sie töten nicht nur schädliche, sondern auch nützliche Bakterien im Mund ab.
Der Mund ist – gleich nach dem Darm – eines der größten Mikrobiome des Körpers. Gute Bakterien halten schädliche Keime normalerweise in Schach. Werden sie jedoch durch antibakterielle Mundspülungen zerstört, können sich problematische Bakterien ungehindert vermehren.
Eine Studie aus Belgien und Südafrika untersuchte die Wirkung der alkohol- und antiseptikahaltigen Mundspülung "Listerine Cool Mint". Die Teilnehmer verwendeten drei Monate lang entweder das Mundwasser oder ein Placebo ohne Wirkstoffe. Das Ergebnis: Bei den Nutzern der antibakteriellen Spülung nahmen zwei problematische Bakterienstämme deutlich zu.
Dabei handelte es sich um Fusobacterium nucleatum, das Parodontitis fördern kann, sowie Streptococcus anginosus, der unter anderem mit Karies, Mandelentzündungen, Abszessen und Mundgeruch in Verbindung gebracht wird. Beide Keime werden zudem mit Speiseröhren- und Dickdarmkrebs assoziiert. Die Forscher raten deshalb von alkoholischen und antiseptischen Mundspülungen ab.
Die möglichen Folgen beschränken sich laut Arp nicht nur auf den Mundraum. "Studien zeigen, dass bestimmte Inhaltsstoffe – etwa Chlorhexidin – den Blutdruck beeinflussen können und bei täglicher Anwendung das Risiko für Antibiotika-Resistenzen erhöhen."
Eine australische Studie zeigte bereits vor Jahren, dass der Blutdruck nach nur drei Tagen Anwendung einer chlorhexidinhaltigen Mundspülung im Schnitt um 2,3 mmHg anstieg. Der Grund: Der Wirkstoff tötet Nitratbakterien ab, die für flexible Blutgefäße wichtig sind. Fehlen sie, kann sich langfristig Bluthochdruck entwickeln.
Auch US-Forscher fanden bei 540 Personen, die mindestens zweimal täglich Mundspülungen nutzten, ein fast doppelt so hohes Risiko, innerhalb von drei Jahren Bluthochdruck zu entwickeln – selbst dann, wenn kein Chlorhexidin, sondern andere antibakterielle Stoffe wie ätherische Öle enthalten waren.
Ganz verteufeln will Arp Mundspülungen nicht. Nach zahnärztlichen Eingriffen wie Implantationen können antibakterielle Spülungen durchaus sinnvoll sein. Problematisch sei jedoch der tägliche, unkontrollierte Gebrauch alkoholhaltiger Produkte.
"Mundspülungen sollten nur kurzfristig oder auf ausdrückliche zahnärztliche Empfehlung eingesetzt werden", so die Zahnärztin. Das gewünschte Frischegefühl solle lieber durch eine geeignete Zahnpasta erreicht werden.
Oder, wie Zahnärztin Arp es klar formuliert: "Werfen Sie Ihre Mundspülung weg!"