Trotz des Lockdowns und der Ausgangsbeschränkungen steigen die Corona-Zahlen in Österreich weiter an. Am Freitag wurde schon wieder ein neuer Rekord gemessen. Insgesamt gab es innerhalb von 24 Stunden exakt 9.586 neue Corona-Fälle – das ist erneut ein trauriger Höchststand.
Um die Ausbreitung der Coronavirus-Pandemie einzudämmen und die Zahlen wieder unter Kontrolle zu bekommen, sieht sich die österreichische Regierung gezwungen, aus dem aktuellen Lockdown light einen Lockdown hard zu machen. Am Samstagnachmittag wird das virologische Quartett verkünden, wie es in den nächsten Wochen in Österreich weitergeht und welche Maßnahmen in Kraft treten.
Die Verschärfung des Lockdowns bedeutet auch, dass wie beim ersten Lockdown im Frühjahr nun mit ziemlicher Sicherheit wieder ausnahmslos alle Schulen geschlossen werden (mehr dazu gibt es hier >>). Das Thema "Schul-Shutdown" sorgte in den vergangenen Tagen bereits für viel Gesprächsstoff. Deshalb sprach am Freitagabend Bildungspsychologin Christiane Spiel in der "Zeit im Bild 2" mit Lou Lorenz-Dittlbacher über die Auswirkungen der möglichen Schulschließungen.
Gleich zu Beginn schilderte die Bildungspsychologin, warum bereits der erste Lockdown im Frühjahr sich als hochbelastend für Kinder entpuppt hatte und aus welchen Gründen auch der bevorstehende nicht weniger belastend werden könnte. Kinder haben, wie auch Erwachsene, Gefühle und Bedürfnisse. Als zwei zentrale psychologische Grundbedürfnisse führte Professor Spiel zum einen die soziale Eingebundenheit und zum anderen das Bedürfnis nach Autonomie an.
Die soziale Eingebundenheit meint insbesondere die sozialen Kontakte der Kinder, sprich die Freunde, die die Schüler in den Bildungseinrichtungen treffen. Fällt der Unterricht weg, so fallen auch die sozialen Kontakte der Kinder weg, was sich in Zeiten wie diesen nicht gut auf die Psyche auswirkt. Zudem bestehe laut Spiel auch das Risiko, dass die Kinder bzw. Jugendlichen sich privat verabreden und treffen, was wiederum dazu führen würde, dass die Zahlen weiter nach oben klettern.
Für viele Kinder stelle - wie in den hitzigen Diskussionen der vergangenen Tage bereits geschildert – die fehlende technische Ausstattung daheim ein Problem dar. Was den Lernerfolg zuhause zusätzlich schmälere, sei die Tatsache, dass die Eltern der Schüler ihre Kinder oft aus verschiedenen Gründen nicht unterstützen können. Auch hierfür gebe es mehrere Gründe, wie zum Beispiel die Berufstätigkeit der Erziehungsberechtigten, fehlendes Wissen oder fehlende Sprachkenntnisse. Immerhin seien die Eltern ja keine Pädagogen.
Dennoch blickte die Bildungspsychologin einer eventuellen Schulschließung mit Hoffnung entgegen. Sie erklärte, dass das Problem des ersten Schul-Shutdown im Frühjahr die Überforderung der Lehrer und Schulen war. Es habe keine einheitliche Linie hinsichtlich der verwendeten Plattformen für das Distance Learning gegeben, die Schüler hätten ein Problem dabei gehabt, sich selbst zu strukturieren und zu organisieren. Diese Hindernisse würde es dieses Mal nicht geben. Zwar sei ihr bewusst, dass hinsichtlich der Selbstorganisation der Kinder "die Schere sicher auseinander gegangen ist", aber auch hier hat sie Empfehlungen. Schulen sollten jenen Kindern, die Schwächen beim Homeschooling haben, unter die Arme greifen. Die Lehrenden sollen für Rückfragen und Rückmeldungen zur Verfügung stehen – das habe ihrer Meinung nach beim ersten Mal gefehlt. Die Leitung der Lehrpersonen sei nicht ausreichend vorhanden gewesen, weshalb die Kinder auf sich alleine gestellt waren.
"Für Volksschüler wird es ganz schwierig", erklärte Spiel. Der harte Lockdown und die damit einhergehende Schulschließung wären vor allem für die Volksschulkinder belastend. Zum einen fehle Eltern der richtige Zugang, ihren Kindern das "Lesen und Schreiben beizubringen". Zum anderen hätten Kinder daheim nicht die gleichen Möglichkeiten wie in der Schule, um ihrem Bewegungsdrang nachgehen zu können. "Eltern müssen zuhause erfinderisch sein." Sie sollten Pläne mit den Kindern machen und jene auch zusammen umsetzen.
Außerdem sei wichtig, dass Eltern offen mit ihren Kindern sprechen und die aktuelle Situation nicht totschweigen. Man müsse den Kindern gut zureden, ihnen vor Augen führen, wie gering die Wahrscheinlichkeit ist, dass ihnen oder einem geliebten Menschen etwas passiert. Ebenso sollte man sie miteinbeziehen und ihnen erklären, dass auch sie etwas zur Besserung der Lage beitragen können. Schließlich gibt es ja die Maßnahmen: an jene soll man sich halten und trägt somit seinen Teil dazu bei, dass sich die Situation bald bessert.