Das sind mögliche Gründe für Thrombosen bei AstraZeneca

Vaxzevria von AstraZeneca
Vaxzevria von AstraZenecaFrank Hoermann / dpa Picture Alliance / picturedesk.com
Bei der Vielzahl an Hypothesen zur Thrombosen-Bildung bei AstraZeneca den Durchblick zu behalten, kann für den Laien schwierig sein. Ein Überblick.

Warum der Impfstoff Vaxzevria von AstraZeneca Thrombosen im Gehirn verursachen kann, dazu kursieren allerlei Hypothesen und Verschwörungstheorien. Eine eindeutige Antwort fehlt bislang. "So funktioniert Forschung", sagt Carsten Watzl, der Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. "Es gibt ein Problem. Dann werden Theorien aufgestellt. Die muss man dann prüfen und am Ende sehen, was davon übrig bleibt." Den Laien kann das aber verwirren.

Vaxzevria - so der Name des AstraZeneca-Vakzins - führt in sehr seltenen Fällen zu Thrombosen im Gehirn. Es geht es um das "Thrombose mit Thrombozytopenie-Syndrom" (TTS), bei dem es zu Blutgerinnseln mit gleichzeitig niedrigem Blutplättchenspiegel kommt. Zwei Drittel der Betroffenen sind jünger als 60 Jahre. Deshalb wird der Impfstoff etwa in Deutschland für Menschen unter 60 nicht mehr empfohlen. Das Gleiche gilt für das Mittel von Johnson & Johnson, nachdem  Thrombose-Fälle in den USA gemeldet wurden.

Theorie 1: Fehlgeleitete Antikörper

Auffällig war, dass die Nebenwirkungen bei den beiden zugelassenen mRNA-Impfstoffen nicht vermehrt vorkamen, sondern nur bei den Vektorimpfstoffen von AstraZeneca und Johnson & Johnson. Als einer der ersten stellte Andreas Greinacher von der Universitätsmedizin Greifswald folgende Theorie vor: 

Bestimmte Bestandteile des Vektorimpfstoffs scheinen an das Protein "Plättchenfaktor 4" zu binden, das auf der Oberfläche der Blutplättchen (Thrombozyten) sitzt. An diesen Komplex können bestimmte fehlgeleitete Antikörper binden, die als Folge einer Entzündungsreaktion im Körper unterwegs sind, die durch die Impfung ausgelöst wurden. Diese Verbindungen führen zum Verklumpen der Blutplättchen. Als Folge entstehen ein oder mehrere Blutgerinnsel (Thrombosen) im Gehirn mit einem gleichzeitigen Mangel an freien Blutplättchen (Thrombozytopenie).

Außerdem warnt Greinacher im Gespräch mit "Zeit Online" davor, den Impfabstand zwischen den beiden AstraZeneca-Impfungen von 12 auf 4 Wochen zu verkürzen. Denn die von ihm beschriebenen fehlgeleiteten Antikörper werden in der Regel innerhalb von 3 Monaten abgebaut. Bei einem kürzeren Impfabstand könnte die Situation entstehen, dass unbemerkt gebildete Antikörper nach vier Wochen noch nicht abgebaut und noch aktiv sind und dann die zweite Impfung die Reaktion verstärken könnte. Mehrere andere von "Zeit Online" befragte Experten betonten allerdings, dass es bisher keine Daten gebe, die diese Überlegung untermauern.

Theorie 2: Komplikationen bei Immunantwort

Eine Gruppe um Rolf Marschalek von der Goethe-Uni in Frankfurt stellt eine weitere Hypothese auf:

Sie geht davon aus, dass es bei der Reaktion der menschlichen Zellen auf den Impfstoff zu Komplikationen kommt. Die Vektorimpfstoffe enthalten - wie die mRNA-Impfstoffe auch - Viren-Erbgut, wenn auch in anderer Form. Mit diesen Erbgut-Abschnitten sollen die menschlichen Zellen dann das sogenannte Spike-Protein des Virus herstellen und an ihrer Oberfläche präsentieren. In Folge wird eine Immunantwort ausgelöst, die uns vor einer Corona-Infektion schützen soll.

Das Coronavirus Sars-CoV-2 benötigt die Spike-Proteine auf seiner Oberfläche, um an spezifische Rezeptoren auf der Oberfläche menschlicher Zellen andocken zu können und die Zellen zu infizieren. 

Beim TTS bleibt das Virus-Protein aber nicht an die Zelle gebunden, sondern gelangt in den Blutkreislauf. Dort kann es sich an die Wand der Blutgefäße binden, eine Entzündungsreaktion hervorrufen und so zur Entstehung von TTS beitragen.

Marschalek und sein Team glauben, dass der Vektorimpfstoff so angepasst werden kann, dass die Komplikation bei der Verarbeitung des Impfstoffs unterbunden wird. "Ja, das ist wahrscheinlich möglich", sagt dazu Immunologe Watzl. "Ob das dann aber auch tatsächlich die Nebenwirkung verhindert, müsste man sehen."

Theorie 3: Verunreinigung des Impfstoffes 

Ulmer Forscher haben Verunreinigungen durch Proteine im AstraZeneca-Impfstoff gefunden. Mehreren Experten zufolge waren diese jedoch zu erwarten. Ob es einen Zusammenhang zwischen den Verunreinigungen und Impfreaktionen gibt, könne man nicht beantworten, teilten die Ulmer Forscher mit. Einige Meinungen sagen, dass die Verunreinigungen ein - wenn auch nicht der einzige - Risikofaktor für TTS sind, weil sie die Entzündungsreaktion direkt nach der Impfung verstärken.

Diskurs unvermeidlich; Lösung liegt dazwischen

Dass die Diskussion über die verschiedenen Hypothesen in der breiten Öffentlichkeit stattfindet, lässt sich nicht vermeiden. Der Diskurs kann jedoch in zwei Richtungen gehen: Er kann Interesse wecken und Vertrauen in die Forschung stärken. Doch auch der umgekehrte Fall ist denkbar. Bei den täglich aufpoppenden Theorien und Hypothesen könnten Laien mit der Zeit den Eindruck gewinnen, dass selbst Forscher nicht mehr durchblicken. 

Die verschiedenen Hypothesen müssen nicht im Widerspruch zueinanderstehen. "Vermutlich ist die tatsächliche Ursache eine Kombination der bisherigen Theorien. Eine allein kann TTS bislang nicht erklären", sagt Watzl. Bisher ließen sich die Hypothesen aber nicht überprüfen.

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