Prunk trifft auf Punk: Alysa steht da wie eine Heldin aus einem Hollywood-Streifen, mit goldenen Pailletten, auffälligen Strähnen und Piercing in der Lippe. Ihre Medaille glänzt genauso golden wie ihr Auftritt.
In Mailand holt Alysa Liu mehr als nur einen Olympiasieg. Die 20-jährige US-Amerikanerin erfindet sich mit ihrem außergewöhnlichen Auftritt völlig neu und sorgt damit für Staunen in der ganzen Eiskunstlauf-Welt.
Als Donna Summers "MacArthur Park Suite" durch die Halle schallt, zieht die neue Eiskönigin das Publikum in ihren Bann. Schwerelos, voller Energie, und immer mit einem breiten Grinser auf den Lippen. Nach Platz drei im Kurzprogramm katapultiert sie sich an die Spitze und lässt die Japanerinnen Kaori Sakamoto und Ami Nakai hinter sich – der Gold-Coup war perfekt. Mit einer Leichtigkeit, die so manchen Konkurrentinnen den Neid ins Gesicht treibt. Ihre Worte nach dem Triumph sind deutlich: "Ich brauchte das hier nicht", sagt sie laut "20 Minuten" über die Medaille. "Aber was ich brauchte, war diese Bühne."
Doch hinter dem Glanz steckt eine bewegende Geschichte. Ihr Vater Arthur flüchtete 1989 nach dem Massaker am Tian’anmen-Platz aus China in die USA. In Kalifornien erfüllt er sich später mit einer Eizellspende und künstlicher Befruchtung den Wunsch nach einer Tochter – Alysa. Von Anfang an verfolgt er mit ihr einen besonderen Plan.
Schon mit fünf Jahren stellt der Vater sie aufs Eis und macht ihr klar: Du bist anders als die anderen Mädchen. Alysa lernt schnell, hat Biss und erträgt das harte Training mit einem Lächeln. Sie wird zur großen Schwester von vier Geschwistern und gewinnt mit 13 Jahren die US-Meisterschaft bei den Erwachsenen.
Als erste US-Amerikanerin überhaupt schafft sie einen vierfachen Lutz. Die Medien überschlagen sich: Sensation, Wunderkind, Hoffnungsträgerin.
Alysa gilt als neue Prinzessin des Eiskunstlaufs – und bald als Königin. 2022 läuft sie mit 16 Jahren bei Olympia in Peking auf Platz sechs, bei der WM holt sie Bronze. Der Thron scheint ihr sicher. Doch dann der Paukenschlag: Statt sich die Krone aufzusetzen, verkündet sie ihren Rücktritt. Die Medien sind fassungslos – warum macht ein junges Ausnahmetalent so etwas?
"Ich war als Kind begeistert vom Eiskunstlauf", sagt sie, "aber es gab sehr, sehr viele Momente, in denen ich keinen Spaß daran hatte." Alysa braucht Abstand vom Rummel. Zu früh musste sie erwachsen werden, immer das Wunderkind spielen. "Ich hoffe, die Leute nehmen sich die Zeit, meine ganze Geschichte zu lesen", sagt sie und kündigt an: "Bald werde ich sie veröffentlichen."
Nach der Pause schmiedet sie mit ihrem langjährigen Trainer Phillip DiGuglielmo Comeback-Pläne: "Ohne diese Pause würde sie heute nicht hier stehen", so der Coach. "Die Auszeit hat ihrem Körper und Geist gutgetan."
Manche Kritiker meinen, der Rücktritt war auch eine Art Befreiung vom Vater. Der Dissident wurde selbst jahrelang von der chinesischen Regierung verfolgt. Sogar in den USA spionierten chinesische Agenten hinter ihm her, weil er als Student Proteste und Hungerstreiks organisierte.
Doch die Spione flogen auf – der US-Sicherheitsdienst stellte sie und sorgte fortan für den Schutz von Alysa Liu. Eigene Bodyguards waren nötig, damit sie überhaupt in Peking antreten konnte. "Das war alles sehr seltsam. Ich dachte: Bin ich in einer Show, in der ich veralbert werde? Ist diese Welt real?"
Vier Jahre später kann Liu in Mailand darüber lachen und wird in den USA als "glücklichste Eiskunstläuferin der Welt" gefeiert. Kein Krampf, kein Kampf – nur noch Freude und klare Botschaft: Sie läuft nicht mehr für Medaillen, sondern für sich selbst.
Ihr Vater sitzt mittlerweile mit Abstand auf der Tribüne, während Alysa auf dem Eis triumphiert. Mit versöhnlichen Worten blickt sie auf ihren Weg zurück: "Diese Reise bis hierher war unglaublich, und mein Leben war einfach perfekt. Ich habe keine Klagen und bin einfach für alles unendlich dankbar."
Der Olympiasieg war fast vorhersehbar. Bei den US-Meisterschaften vor wenigen Wochen wurde sie noch Zweite im silbernen Kleid. In Mailand trägt sie Gold – als hätte sie das Drehbuch selbst geschrieben.