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Debakel im Suez-Kanal: "Einfach wenden kann man nicht!"

Die Bergungsarbeiten im Suezkanal sind in vollem Gang. Schleppboote hoffen auf die Flut. Der Vorfall könnte sich noch über Wochen auswirken.
20 Minuten
25.03.2021, 16:26

Das gab es in der 150-jährigen Geschichte des Kanals noch nie: Die "Ever Given" ist nördlich von Suez auf Grund gelaufen und steckt zwischen beiden Ufern des Kanals fest. Der gut 400 Meter lange, 60 Meter hohe und 59 Meter breite Mega-Frachter blockiert seit Dienstag die wichtigste Wasserstraße zwischen Europa und Asien.

Offenbar geriet er gegen sieben Uhr morgens in Schwierigkeiten und dabei in eine solch unglückliche Lage, dass die Enden des 220.000-Tönners zwischen den Kanalmauern völlig verkeilt zu liegen kamen.

Bizarre Situation

"Bug und Heck haben sich regelrecht in die Kanalmauern gefräst. Ihr Bauch scheint stellenweise aufzuliegen", sagt Kapitän John Konrad im Gespräch mit Sal Mercogliano von der US-Handelsmarineakademie in Kings Point, New York.

Wie stark der Frachter festsitzen muss, machen sie auch an den gelichteten Ankern fest: "Bewegte sie sich auch nur ein bisschen, würde jeder Kapitän die Anker setzten, um Schiff und Fracht zu sichern."

Der Frachter müsse heftig auf eine Sandbank aufgefahren sein, mutmaßen sie: "Dafür, dass sie beladen ist, liegt sie sehr weit über Wasser – kein so stark beladenes Schiff dürfte so weit oben liegen."

"Einfach wenden kann man nicht"

Die Suez Canal Authority (SCA) hat Schlepperboote entsandt, die seit drei Tagen erfolglos versuchen, den Riesen-Frachter frei zu kriegen. "Der Frachter ist länger als der Suezkanal breit. Einfach wenden kann man es nicht", so Kapitän Konrad. "Man hofft auf die Flut, um den Frachter doch bewegen zu können".

Dafür würde jetzt an Bord und im Frachttraum wohl auch hektisch Gewicht verlagert werden müssen. Entscheidend sei natürlich auch, ob und wie stark Ruder und Propeller beschädigt seien, so die beiden Seefahrtexperten.

Sandsturm, Geschwindigkeit, Übermüdung

Offenbar hatte ein Sandsturm die "Ever Given" vom Kurs abgebracht und in Ufernähe auflaufen lassen. Mercogliano und Konrad zufolge aber gibt es Anhaltspunkte, wonach der Frachter in den frühen Morgenstunden zu schnell unterwegs gewesen war.

Auch Kommunikationsprobleme auf der Brücke und Übermüdung der Crew könnten eine Rolle gespielt haben: "Man muss sich vorstellen: Der Frachter ist größer als ein Flugzeugträger, aber hat statt 5.000 Personen nur zwischen 24 und 26 Leute an Bord. Ein absoluter Knochenjob."

Ein Sprecher der Hafenbehörde, der anonym bleiben wollte, teilte mit, man hoffe, keine Container abladen zu müssen. Das würde Tage dauern. "Angefangen mit der Frage, wie man einen so starken Kran dorthin bringt, wie positioniert man ihn?", so Mercogliano von der Handelsmarineakademie.

"Rückstau wird Tage oder Wochen in Anspruch nehmen"

Gleichzeitig hat sich ein riesiger Rückstau wartender Schiffe gebildet: An beiden Kanalausgängen warten derzeit mindestens 150 Schiffe, wie auf der Website MarineTraffic.com zu erkennen ist. Viele sind nach Kapitän Konrad mit kritischer Fracht unterwegs, etwa Respiratoren für Krankenhäuser. "Für den Handel ist das natürlich eine Katastrophe. Gerade Europa dürfte diesen Unfall in Form von Benzinpreiserhöhungen und fehlenden Waren zu spüren kriegen". Tatsächlich steigen die Erdölpreise bereits.

"Es ist wahrscheinlich, dass der Rückstau mehrere Tage oder Wochen in Anspruch nehmen wird", sagte Ranjith Raja vom Finanz-Recherchezentrum Refinitiv. "So etwas ist uns noch nicht untergekommen."

Die 25 Besatzungsmitglieder der "Ever Given" seien in Sicherheit, erklärte die Gesellschaft Bernhard Schulte Shipmanagement (BSM) in Singapur, die für das technische Management des Container-Schiffs verantwortlich ist. Es gebe keine Umweltverschmutzung und keinen Schaden an der Fracht.

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