Raphael M. Bonelli blickt beruflich täglich in die Köpfe anderer – und sieht dabei eine Entwicklung, die ihn beunruhigt: "Wir verlieren gerade die Fähigkeit, vernünftig zu denken." Der 57-Jährige forschte an renommierten Universitäten wie Harvard University und University of California, Los Angeles.
Heute führt er eine Praxis im Zentrum von Wien, leitet das RPP-Institut und erreicht über soziale Medien ein breites Publikum. Als jemand, der sich intensiv mit den Mechanismen des Denkens beschäftigt, schlägt er nun Alarm.
Sein aktuelles Buch "Kopflos – Wie Denken funktioniert, warum wir es verlernt haben, wie wir es zurückgewinnen" ist dabei weniger ein klassisches Fachwerk als vielmehr eine Diagnose unserer Zeit. Bonelli beschreibt darin, wie Menschen zunehmend dazu neigen, sich eigene Wirklichkeiten zu konstruieren – oft losgelöst von überprüfbaren Fakten.
In seiner Praxis beobachtet er, dass solche Selbsttäuschungen längst kein Einzelfall mehr sind. "Der Selbstbetrug kann überschwappen", erklärt der Wiener. Was bei einer Person beginnt, könne sich im sozialen Umfeld verstärken. So entstehe, was Bonelli als "kollektive Denkstörung" bezeichnet – ein Phänomen, das zunehmend auch über das Private hinausreiche.
Was im Kleinen beginnt, kann im Großen eskalieren: Gruppen verfestigen Überzeugungen, die objektiv nicht haltbar sind, und entfernen sich schrittweise von einer gemeinsamen Realität. "Wir sind alle in unserer Bubble", sagt er. Für Bonelli ist das keine Randerscheinung mehr, sondern ein gesellschaftliches Muster. Seine zentrale These: Nicht nur Fakten gehen verloren, sondern die gemeinsame Wirklichkeitsbasis.
„Gerade die Mächtigen folgen häufig eigenen Vorstellungen und Visionen – und entfernen sich dabei mitunter von der Realität.“Raphael M. BonelliNeurowissenschaftler, Psychiater und Autor
Diese Entwicklung spiegle sich auch in der Politik wider – man denke an Trump, Putin und Co. "Emotionen haben heute oft mehr Gewicht als Vernunft", sagt Bonelli – ein Befund, der erklärt, warum öffentliche Debatten zwar intensiver, aber selten klarer werden. Politik sei dabei kein Sonderfall, sondern Ausdruck gesellschaftlicher Dynamiken: Wird die Gesellschaft irrationaler, wird es die Politik ebenfalls.
Als Verstärker sieht Bonelli vor allem Smartphones und soziale Medien. Die permanente Informationsflut überfordere das Gehirn, zurück bleibe oft nur oberflächliche Verarbeitung: schnelles Scrollen, schnelle Meinungen, vorschnelle Urteile. "Tiefes Denken braucht Zeit – und die nehmen wir uns nicht mehr." Doch der Psychiater sieht auch Auswege.
Mit seinem neuen Buch richtet sich Bonelli an ein breites Publikum: an alle, die verstehen wollen, wie Denken funktioniert – und warum in einer komplexen Welt so vieles zunehmend unlogisch erscheint.