US-Präsident Donald Trump hat mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin telefoniert und Zugeständnisse gemacht, bevor die offiziellen Verhandlungen begonnen haben. Derweil kritisiert sein Vizepräsident J.D. Vance Europa im Rahmen der Sicherheitskonferenz in München scharf. Der Geopolitik-Experte Remo Reginold gibt im Interview mit 20 Minuten Antwort auf die Frage, wie es um die Stellung Europas in der Welt steht.
Herr Reginold, Sie sind aktuell an der Sicherheitskonferenz in München. Alle haben erwartet, dass US-Vizepräsident J.D. Vance den US-Truppenabzug aus Europa verkündet, aber am Ende hat er nichts dazu gesagt. Was bedeutet das?
Ganz einfach: Es geht um Logistik. Der Blick auf die Landkarte zeigt, dass die Amerikaner die bestehenden militärischen Basen in Europa – insbesondere Ramstein in Deutschland – brauchen, um schneller in den Indopazifik zu kommen. Der andere Weg dauert länger, kostet mehr und müsste viel stärker bewirtschaftet werden. Dass trotzdem mit dem Abzug provoziert wurde, liegt in der DNA der Trump-Administration.
Sie schaut, wie weit sie gehen kann. So kristallisiert sich vielleicht heraus, wer mögliche Partner und Gegner sind. Am Ende werden dann vielleicht nicht morgen Realitäten geschaffen, sondern übermorgen.
Kann Europa den USA als Partner noch vertrauen?
Das Misstrauen ist berechtigt. Donald Trump handelt oft im Alleingang und sieht Europa nicht mehr als logischen Partner. Wir befinden uns in einer Situation, in der Staaten je nach Kontext Partner im Wettbewerb oder sogar Gegner sein können. Gesicherte Allianzen gibt es nicht mehr. Der globale Süden hat diese Realität längst erkannt, während Europa zu lange die Augen davor verschlossen hat. Wir leben in einer mehrdeutigen Welt, in der man sich nicht nur militärisch und wirtschaftlich, sondern auch kulturell und über Rohstoffe sowie Handelswege geopolitisch behaupten kann.
Die entscheidende Frage ist: Welche Vision hat Europa für sich selbst? Die fehlt bisher komplett. Das Thema Nachhaltigkeit zum Beispiel – Europa stellt sich als treibende Kraft dar, aber ohne echtes Commitment. China dagegen hat Technologien und Infrastruktur für eine nachhaltige Zukunft und kann jetzt sogar sagen, dass damit die Ziele der UNO erreicht werden können. Besser geht es rhetorisch kaum.
Europa wirkt oft nur als Zuschauer der geopolitischen Ereignisse. Ist dieser Eindruck korrekt?
Europa befindet sich gerade in einer Materialzerreißprobe. In vielen strategischen Regionen spielt Europa keine entscheidende Rolle. Ob im Südchinesischen Meer, der Arktis oder dem Nahen Osten – dort bestimmen andere die Regeln. Afrika ist ein Paradebeispiel: Europa hat sich zurückgezogen, China und Russland haben die Lücke sofort gefüllt. Europa verweist immer wieder auf scheinbare Werte, aber Geopolitik war noch nie moralisch.
Seit Jahren wird gefordert, dass Europa mehr in die Sicherheit investiert? Ist etwas passiert?
Die angekündigte Zeitenwende war leider nur Rhetorik. Es wurden keine Entscheidungen bezüglich zukünftiger Prioritäten und Investitionen getroffen. Dieses unstrategische Lamentieren rächt sich jetzt. Sicherheit ist nicht nur eine Frage von Waffen, sondern von Energiesicherheit, Cybersicherheit und kritischer Infrastruktur. Wenn die Luftfahrtsoftware SAP ausfällt, hebt kein Kampfjet ab – da muss niemand beschossen werden.
Die Ukraine hat gezeigt, wie essenziell eine informierte, belastbare Gesellschaft ist. Dort weiß jeder, dass man keine Militärstandorte fotografieren sollte. In Europa wurden Dienstpläne bis vor kurzem gerne noch per Whatsapp verschickt. Das zeigt, wie viel noch zu tun ist.
Verlieren internationale Institutionen an Einfluss?
Klassische Organisationen wie die UNO haben ihre beste Zeit hinter sich. Sie waren mal wichtig, aber das Modell funktioniert nicht mehr. Stattdessen setzen sich neue Bündnisse durch – zum Beispiel die BRICS-Staaten. Dieses Modell eines losen Bündnisses findet bereits Nachahmer. Bisher werden sie noch unterschätzt, aber ich glaube, dass sie schon bald große Durchschlagskraft haben werden und auch Organisationen wie die UNO umkrempeln können.
Zählt also nur noch die Macht des Stärkeren?
Momentan funktioniert das Spiel tatsächlich ein wenig so. Wir müssen aber auch sehen, dass es Politik vor und hinter dem Vorhang gibt. Davor präsentieren sich die USA und China als Feinde, dieses Narrativ wird erwartet und ist beliebt in der Gesellschaft. Tatsache ist aber, dass die USA und China gerade im Feld der künstlichen Intelligenz immer wieder zusammenarbeiten, auch weil es oft nicht anders geht. Damit geht man aber sicher nicht hausieren.
Welche Zukunft erwartet Europa geopolitisch?
Europa wird mittelfristig weiter marginalisiert. Asien, Afrika und Südamerika gewinnen an Einfluss, weil sie sich strategisch klüger positionieren. Besonders Indien perfektioniert das "Frenemy"-Prinzip: mal Partner, mal Gegner, je nach Vorteil. Europa hält sich dagegen stur an ein regelbasiertes System, das global längst ausgedient hat. Man glaubt weiterhin an eine Wirtschaftsordnung, die es so nicht mehr gibt. Das hat bisher gut funktioniert, aber die Welt dreht sich weiter – nur Europa bleibt stehen.