Im vergangenen Mai passierte Eileen Winkler (17) das Schlimmste, was einem Mädchen bzw. einer Frau passieren kann: Die damals 16-Jährige wurde in der Wiener Innenstadt von einem 27-Jährigen vermutlich unter Drogen gesetzt und dann stundenlang missbraucht. Im Spital wurden (DNA-)Spuren gesichert. Der Mann wurde festgenommen, sitzt derzeit in U-Haft: "Der Vorfall hat alles zerstört. Nichts davon war meine Schuld, aber ich habe alles verloren", berichtet Eileen im "Heute"-Gespräch.
Einige Wochen danach kam ihr Vater, Brian (42), in ihre Klasse, um Schüler und zwei Lehrer darüber zu informieren und zu sensibilisieren: "Es war so schwer für mich, dem zuzustimmen. Aber es war wichtig, dass die Klasse und die Lehrer erfahren, wie mental belastend das alles für mich war und ist. Ich hatte den Eindruck, dass die Lehrer mich schützen werden, mich sehen und hören", so Eileen, die unter einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) leidet und derzeit in Therapie ist.
Bis zum Semesterende ging die 16-Jährige nicht mehr in die Wiener berufsbildende höhere Schule. Im heurigen Schuljahr wollte Eileen wieder durchstarten. Gleich zu Beginn war eine Klassenfahrt nach Grado angesetzt: "Ich habe mich dazu entschieden, mitzufahren. Dass das Gespräch im Mai mit der Klasse so gut verlaufen ist, war für mich ein wichtiger Grund, dort wieder reinzugehen. Es war für mich der einzige Weg, wieder ein normales Leben zu führen."
Doch diese Hoffnung wurde zerstört. Denn gleich am ersten Abend kam es zu einem Vorfall: "Es ist in der offiziellen Freizeit passiert, so gegen 22 Uhr. Schon am Weg zu meinem Hotelzimmer habe ich Hilfeschreie gehört. Als ich um die Ecke bin, habe ich zwei Burschen gesehen, die eine Vergewaltigung nachgestellt haben. Der eine stand im Türrahmen und spielte den 'Vergewaltiger', der andere war am Gang und war das 'Opfer'. Ich habe zu dem am Gang gesagt: 'Redest du gerade mit mir?' Er hat mir direkt in die Augen geschaut und gesagt: 'Hilfe! Hilfe! Ich werde gerade vergewaltigt, was soll ich tun?", erinnert sich Eileen.
„Ich wurde von zwei Menschen, die mich eigentlich hätten beschützen sollen, im Stich gelassen“Eileen Winklerüber ihre Lehrer auf der Klassenfahrt
Die 17-Jährige lief auf ihr Zimmer: "Dann haben ein paar Freundinnen geklopft. Als ich die Türe aufgemacht habe, habe ich gesehen, dass der 'Vergewaltiger' die Hose bei den Füßen hatte und nur noch in Unterhose da stand. Ich war so fertig, dass ich zehn Minuten gebraucht habe, um es jemanden zu erzählen."
Eileen vertraute sich schließlich den beiden anwesenden Lehrern an (beide waren auch beim Info-Abend mit dem Vater anwesend): "Sie haben nur gemeint: 'Beruhige dich bitte', 'Das war doch nur ein Spaß' und 'Das war sicher nicht an dich gerichtet'. Beide wollten, dass ich heimfahre. Ich wurde von zwei Menschen, die mich eigentlich hätten beschützen sollen, im Stich gelassen."
Auch Brian Winkler, selbst Pädagoge, wurde informiert: "Sie haben mich aufgefordert, Eileen abzuholen. Meine Sorgen und Bedenken wurden als lächerlich abgestempelt. Ich habe sie angebettelt, meine Tochter zu unterstützen, aber sie haben total versagt. Sie haben gemeint, dass sie sich auch um die anderen Kinder kümmern müssen, die wollen auch eine schöne Woche erleben", berichtet der 42-Jährige.
Für die zwei betroffenen Burschen gab es offenbar keine Konsequenzen: "Die Lehrerin ist auf ihr Zimmer und hat ihnen gesagt, dass das nicht okay war. Das war's. Ihre Eltern wurden nicht informiert, und es stand nie zur Diskussion, dass die beiden heimgeschickt werden. Das einzige Angebot, dass sie mir gemacht haben, war, dass in der Freizeit die Burschen mit den Lehrern zusammen sein müssen", erklärt Eileen.
Die 17-Jährige fühlte sich nicht mehr sicher ("Ich hatte Panikattacken"), ihr Vater wollte sie schließlich abholen: "Die Lehrer wollten, dass er mich in Triest abholt. Aber ich wollte auf keinen Fall in den Bus mit den Burschen steigen. Also hieß es: Gut, dann müssen alle im Hotel bleiben, bis Eileen abgeholt ist – eine kollektive Bestrafung sozusagen. Das war ein neuer Tiefpunkt für mich."
Brian Winkler organisierte schließlich ein anderes Hotel, in dem Eileen übernachten konnte: "Ich habe den Lehrern eine Vollmacht geschickt (diese liegt "Heute" vor, Anm.), die sie von der Aufsichtspflicht entbindet." Eileen wechselte das Hotel, doch am nächsten Morgen folgte eine böse Überraschung.
"Als ich das Hotelzimmer verlassen habe, sah ich drei große Männer am Gang. Sie gingen mir hinterher und ich habe große Angst bekommen. Ich bin zurück ins Zimmer gerannt, aber einer der Männer klemmte seinen Fuß in die Türe. Schließlich hat er die Türe aufgedrückt. Ich war so zerstört, ich habe geheult und geschrien", erzählt Eileen.
Bei den drei Männern handelte es sich um zwei Polizisten ("Sie haben mir keinen Ausweis gezeigt") und einen Hotel-Mitarbeiter. Die Schule bzw. die Lehrer hatten die Polizei verständigt: "Die Polizisten hatten keine Ahnung, worum es hier überhaupt geht. Weil ich so aufgelöst war, haben sie dann eine Hotel-Mitarbeiterin geholt – mit ihr habe ich gut reden können. Sie hat die ganze Situation beruhigt."
„Wie soll ich jetzt wieder zurück in die Klasse? Nichts von dem, was mir passiert ist, war meine Schuld“Eileen Winklerweiß nicht, wie es weitergeht
Vier Stunden lang musste Eileen im Hotelzimmer warten (die Polizisten waren vor der Türe), bis ihr Vater schließlich in Grado eintraf: "In dieser Zeit haben weder die Lehrer, noch der Schulqualitätsmanager noch die Direktorin meine Anrufe angenommen oder zurückgerufen", meint Brian Winkler. Er brachte die 17-Jährige nach Hause. Wie es jetzt weitergehen soll, weiß niemand: "Wie soll ich jetzt wieder zurück in die Klasse? Nichts von dem, was mir passiert ist, war meine Schuld. In Grado waren so viele Trigger, mein Vertrauen wurde gebrochen. Ich wurde bloßgestellt und ausgegrenzt – das hat mein Herz gebrochen."
Die Familie fordert nun Konsequenzen für die beiden Schüler: "Ich möchte, dass sie suspendiert werden. Wenn sie den Hitler-Gruß gezeigt oder rassistische Beschimpfungen gerufen hätten, wären sie sofort heimgeschickt worden. Aber, wenn sie sich lustig machen und mir mein Trauma vorspielen, dann passiert gar nichts", so Eileen.
Frauenhelpline (rund um die Uhr, kostenlos): 0800 222 555
Männernotruf (rund um die Uhr, kostenlos): 0800 246 247
Rat auf Draht: 147
Autonome Frauenhäuser: 01/ 544 08 20
Gewaltschutzzentren: 01/ 585 32 88
Weisser Ring: 0800 112 112
Untersuchungsstelle für Gewaltbetroffene der MedUni Wien: 01 / 40160 - 35700
Auch für Brian Winkler ist klar: "Wir fordern, dass sich etwas ändert, es darf nicht so weitergehen." Die Familie will daher den Verein "Brücken bauen" für Opfer von sexueller Gewalt gründen – auf "Gofundme" wurde eine Kampagne gestartet: "Wir wollen Druck auf die Regierung ausüben, damit diese eine Reform der Richtlinien zur Verurteilung von Vergewaltigungen durchführt. Auch die Richtlinien zum Umgang mit Situationen, in denen Vergewaltigungen oder Vergewaltigungsvorwürfe heruntergespielt oder als weniger schwerwiegend dargestellt werden, sollen verschärft werden", so der 42-Jährige. Unterstützer können sich per E-Mail an [email protected] wenden.
"Heute" fragte selbstverständlich bei der Bildungsdirektion um eine Stellungnahme an und erhielt folgende Antwort: "Nach derzeitiger Kenntnis decken sich die Schilderungen des Vorfalls nur teilweise mit jenen der Schülerin Eileen. Es ist unbestritten, dass seitens der Schüler einzelne unpassende Äußerungen getätigt wurden. Laut Angaben der Schüler war jedoch nicht bewusst, dass Eileen diese Äußerungen unmittelbar mitbekommen hat", heißt es.
„Fest steht, dass sowohl die Lehrkräfte vor Ort als auch die Schulleitung vorbildlich gehandelt haben“Sprecherin der Bildungsdirektionüber den Vorfall
Es stehe fest, "dass sowohl die Lehrkräfte vor Ort als auch die Schulleitung vorbildlich gehandelt haben und bestrebt waren, die Situation zu entschärfen, Eileen zu schützen und alle Beteiligten zu unterstützen. Das Verhalten der Schüler wird weiter aufgearbeitet und entsprechende Konsequenzen wurden bereits ergriffen", erklärt eine Sprecherin. Welche genau, darauf will die Bildungsdirektion auf Nachfrage "zum Schutz der Beteiligten" nicht eingehen.
In Bezug auf den Polizei-Einsatz wird erklärt: "Aufgrund der Tatsache, dass Eileen ohne Rücksprache mit den anwesenden Lehrkräften das Hotel verlassen hat, war es notwendig, die lokalen Behörden einzuschalten. Hintergrund war die in Italien bestehende Meldepflicht für minderjährige Gäste sowie die Klärung der Aufsichtssituation. Der Einsatz diente einerseits der rechtlichen Absicherung, da eine Entbindung der Aufsichtspflicht aufgrund der rechtlichen Rahmenbedingungen nur durch die Schulleitung erfolgen kann, aber allem voran der Sicherheit der Schülerin."
Auf die Frage, wie es nun weitergeht: "Durch die Schulleitung wurden bereits umfassende Maßnahmen in Zusammenarbeit mit dem zuständigen Schulqualitätsmanager und der Schulpsychologie eingeleitet. So wird das Peer-Mediationsteam die Klasse auf die Reintegration von Eileen vorbereiten und nochmals sensibilisieren. Auch eine individuelle Betreuung von Eileen ist in Folge vorgesehen, um sie bestmöglich zu unterstützen."