World Press Photo

Eine Ausstellung zwischen Weckruf und Demut

Ein Besuch der World Press Photo-Ausstellung im Wiener WestLicht zeigt, wie nah uns die Krisen, Konflikte und Geschichten dieser Welt kommen können.
Anna Wallinger
13.09.2026, 06:00
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Vor dem WestLicht im 7. Wiener Bezirk bleibe ich stehen. Voller Vorfreude blicke ich zum Eingang der Ausstellungshalle, gespannt darauf, was die "World Press Photo"-Ausstellung dieses Jahr wohl zu bieten hat.

Beflügelt von einem kleinen "Gutmensch"-Anfall fotografiere ich den Kunstautomaten vor dem Museum und poste das Bild auf Instagram. Dazu die vermeintlich weisen Worte: "Wovon die Welt wohl mehr brauchen würde …" – in der Überzeugung, Zigarettenautomaten der Tabakindustrie seien eines unserer größeren Probleme. Drei Stunden später hat mich die World Press Photo-Ausstellung eines Besseren belehrt...

"Heute" auf Google als bevorzugte Quelle festlegen

Zum 25. Mal zeigt das WestLicht die besten Arbeiten des internationalen Fotojournalismus in diesem Jahr. Die World Press Photo Foundation, eine Non-Profit-Organisation mit Sitz in den Niederlanden, wurde 1955 gegründet. Heute tourt die Ausstellung durch rund 80 Städte weltweit – mit dem Ziel, unabhängigen Fotojournalismus zu fördern und durch authentische Aufnahmen Bewusstsein für das Weltgeschehen zu schaffen.

Krieg, Umwelt und Flucht sind die Themen, die uns in den letzten Jahren – und damit auch die ausgestellten Werke – beschäftigen. Die Fotografien, die diese Wirklichkeiten abbilden, haben eine enorme Kraft und konfrontieren uns unausweichlich mit Realitäten, vor denen man im Alltag gern die Augen verschließt. Manche Exponate erscheinen in einer Reihe aus mehreren Bildern, jedes von ihnen erzählt eine Geschichte zu einem Individuum oder zu einer Gruppe, die für ihre Überzeugungen und Rechte kämpft.

World Press Photo Award für Chantal Pinzi

Ein Bild sticht in der Ausstellung besonders ins Auge – und wurde sogar mit einem World Press Photo Award ausgezeichnet. Dahinter steckt die italienische Fotojournalistin Chantal Pinzi, die in ihrer Serie "Farīsāt: Gunpowder’s Daughters" Frauen porträtiert, die sich ihren Platz in einer jahrhundertelang von Männern dominierten Welt erkämpfen.

Die sogenannten Farīsāt haben sich der traditionellen marokkanischen Reitkunst Tbourida verschrieben. Unter rund 300 Gruppen im Land gibt es mittlerweile sieben rein weibliche. Um den Reiterinnen so nahe kommen zu können, musste Pinzi zunächst ihr Vertrauen gewinnen. "Es braucht auf jeden Fall Beziehungsarbeit. Zeit und Ehrlichkeit haben viel Arbeit geleistet", erzählt sie im "Heute"-Gespräch. Besonders beeindruckt hat sie, was der Sport bewirken kann: "Ich habe wirklich miterlebt, wie dieser Sport Frauen zu Führungsfiguren in ihren eigenen Communities gemacht hat."

Mit ihren Bildern möchte Pinzi auch gängige Klischees über Afrika aufbrechen und anderen Frauen Mut machen. "Ich bin fasziniert von diesen Geschichten, wie Menschen einfach nicht aufgeben, wenn sie an etwas und auch an sich selbst glauben."

Durch ihre Arbeit hat die Fotografin aber auch gelernt, stärker im Hier und Jetzt zu leben. Denn die Journalismus-Branche steht vor großen Herausforderungen – und auch Pinzi hangelt sich von Auftrag zu Auftrag. "Journalismus und Fotografie sind so wichtige Bausteine für unsere Gesellschaft und auch für die Demokratie. Es macht mich wütend, dass es gerade in diesem Bereich so schwierig ist, sich eine Karriere aufzubauen", sagt die Aktivistin.

Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass der Journalismus schwierige Zeiten durchlebt. Das spürt auch die junge Fotografin: "Resilienz ist leider Teil meiner Arbeit geworden – aber wir geben nicht auf, weil wir an diese Arbeit glauben."

Heute hat die 30-Jährige, die vor Mut und Coolness nur so strotzt, allerdings Grund zu feiern: Am 11. September präsentiert die preisgekrönte Fotografin ihre Arbeit um 19 Uhr im WestLicht.

Das World Press Photo des Jahres

Wie politische Entscheidungen in das Leben einzelner Familien eingreifen, zeigt das nächste imposante Foto. Es ist DAS World Press Photo des Jahres und stammt von der US-amerikanischen Fotojournalistin und vierfachen Pulitzer-Preisträgerin Carol Guzy. Ihre Aufnahme führt mitten hinein in die Folgen der verschärften US-Einwanderungspolitik – und damit in einen Konflikt, der rund um die Einwanderungsbehörde ICE vor allem im vergangenen Winter auch hierzulande immer wieder für Schlagzeilen sorgte.

Entstanden ist "Separated by ICE" bereits am 26. August 2025 in einem New Yorker Gerichtsgebäude. Zu sehen sind die beiden Töchter des Ecuadorianers Luis, die sich verzweifelt an ihren Vater klammern, nachdem dieser von ICE-Agenten festgenommen wurde. Ein einzelner Moment, der eine sehr viel größere Geschichte erzählt: von Familien, die auseinandergerissen werden, und von der Angst und Unsicherheit, die die Abschiebungspolitik der Regierung für viele undokumentierte Migrant in den USA bedeutet.

Guzy war dabei nicht nur für diesen einen Augenblick vor Ort. Über Monate hinweg dokumentierte sie die Vorgänge an dem Gericht – häufig ohne Auftrag und auf eigene Kosten. Dass daraus schließlich das World Press Photo des Jahres hervorging, macht ihre Arbeit zugleich zu einem Beispiel dafür, was beharrlicher Fotojournalismus sichtbar machen kann.

Ausstellung bis 22. November zu sehen

Nachdenklich verlasse ich das WestLicht Museum. Ich öffne meinen Instagram-Kanal, checke meine Likes auf meine Story zum Kunstautomaten und denke: "Ein weiterer sinnloser Content, der nicht einmal einen Tropfen auf dem heißen Stein verdient hat", wissend, dass meine Soundhealing-Session in zwei Stunden beginnt und ich bei Kerzenschein und Palo Santo Duft meinen Geist wieder beruhigen darf. Welch privilegiertes Leben ich doch führe!

Und wer eine ähnlich augenöffnende Erfahrung machen möchte, kann die Ausstellung noch bis 22. November ansehen.

wall,13.09.2026, 06:00
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