Ob ein Kind mit oder ohne Geschwister aufwächst, kann die Entwicklung beeinflussen – doch wie stark dieser Effekt wirklich ist, darüber sind sich Expertinnen und Experten uneinig.
"Selbstverständlich hat es einen psychologischen und Entwicklungseinfluss, ob ein Kind alleine mit seinen Eltern aufwächst", so die Psychotherapeutin Inés Brock-Harder gegenüber NTV.
Laut Brock-Harder wachsen Einzelkinder unter anderen Bedingungen auf als Kinder mit Geschwistern. Studien deuten darauf hin, dass sie häufiger auf sich selbst fokussiert sind und weniger Gelegenheiten haben, soziale Fähigkeiten wie Teilen oder Kompromisse einzugehen zu üben.
Als Beispiel werden oft Untersuchungen aus China herangezogen, wo durch die Ein-Kind-Politik viele Kinder ohne Geschwister aufgewachsen sind.
Allerdings lassen sich diese Ergebnisse nicht eins zu eins auf andere Länder übertragen. In Österreich oder Deutschland gleichen Kindergarten und Schule viele dieser Unterschiede wieder aus.
Andere Fachleute widersprechen klar. Die deutsche Persönlichkeitspsychologin Julia Rohrer betont, dass viele Studien nur minimale Unterschiede zwischen Einzel- und Geschwisterkindern finden.
Teilweise zeigen Untersuchungen sogar das Gegenteil: Einzelkinder können genauso sozial – oder sogar weniger egoistisch – sein als andere.
Immer mehr Eltern entscheiden sich bewusst für nur ein Kind.
Auch die Rolle innerhalb der Geschwisterreihe wird oft diskutiert. Sogenannte Sandwichkinder – also Kinder mit älteren und jüngeren Geschwistern – gelten laut einigen Studien als besonders kooperativ, bescheiden und einfühlsam.
Andere Forscher sehen auch hier nur kleine Unterschiede. Tendenziell könnten mittlere Kinder etwas verträglicher sein – große Persönlichkeitsunterschiede gibt es aber nicht.
Ein heikles Thema: Viele Eltern haben tatsächlich ein Lieblingskind.
Die Auswertung zeigt, dass Eltern eher Mädchen bevorzugen – und das gilt nicht nur für Mütter, sondern auch für Väter. Auch gewissenhafte, verantwortungsbewusste Kinder werden eher favorisiert. Die Unterschiede sind aber nur gering. Trotzdem sollten Eltern sich dessen bewusst sein, schreiben Hauptautor Alexander Jensen von der Brigham Young University in Utah und McKell Jorgensen-Wells von der Western University im kanadischen London.
Im Internet gibt es unter dem Hashtag "Gender Disappointment" zahlreiche Videos, in denen Eltern enttäuscht sind, weil ihr Baby nicht das gewünschte Geschlecht hat. Das kommt laut Berichten öfter vor, wenn das Baby ein Bub ist. Auch in Eltern-Foren schreiben Frauen, dass sie sich immer ein Mädchen gewünscht hätten und jetzt mit der Tatsache kämpfen, dass es doch ein Bub geworden ist.