"Geschwister sind Freunde fürs Leben" – so zumindest das Ideal. In der Realität sieht das oft anders aus: Manche Geschwister telefonieren täglich, teilen private Sorgen und sind ein eingespieltes Team, andere hingegen halten nur sporadisch Kontakt oder haben ihn ganz abgebrochen. Das muss nicht immer an einem großen Streit liegen: Oft sind es leise, langfristige Faktoren, die Geschwister auseinanderdriften lassen.
Doch warum entwickeln sich Geschwister so unterschiedlich, obwohl sie im selben Elternhaus aufgewachsen sind? Die Antwort liegt selten in einem einzelnen Auslöser. Viel häufiger sind es Muster, Prägungen und Lebensumstände, die sich über Jahre hinweg verfestigen. Welche Faktoren dabei besonders oft dazu führen, dass Nähe verloren geht oder gar kein echtes Band entsteht, zeigt ein Blick auf die häufigsten Ursachen.
In manchen Familien wird Zusammenhalt bewusst gefördert: Geschwister sollen aufeinander aufpassen, miteinander spielen und sich gegenseitig unterstützen. "Frühe Erfahrungen von Rückhalt und Zusammenarbeit prägen oft unbemerkt, wie Geschwister sich als Erwachsene begegnen", erklärt US-Therapeutin Erin Runt gegenüber "Self". Fehlt diese Förderung, entwickeln sich Beziehungen oft distanzierter, ohne dass jemand bewusst schuld ist.
Besonders trennend wirkt wahrgenommene Ungleichbehandlung: "Bevorzugung ist etwas, das viele Eltern tun – oft unabsichtlich", verrät Familientherapeutin Karen Gail Lewis im "Self"-Interview. Wer sich dauerhaft benachteiligt fühlt – durch strengere Regeln, mehr Kritik oder ständige Vergleiche – trägt diesen Frust häufig ins Erwachsenenalter mit.
Geschwister, die ähnliche Lebensabschnitte teilen, finden oft leichter zueinander: "Wenn beide etwa zur gleichen Zeit heiraten oder Kinder bekommen, entsteht neue Verbindung", so Runt. Diese gemeinsamen Erfahrungen schaffen Gesprächsstoff und Nähe. Bleiben solche Überschneidungen aus, entwickeln sich Lebenswelten, die wenig Berührungspunkte haben.
Ob ein großer oder kleiner Altersabstand besser ist, lässt sich nicht pauschal sagen: "Es gibt kein klares Muster, das Nähe allein durch Alter erklärt", betont Lewis. Große Abstände können Distanz schaffen, aber auch Konkurrenz vermeiden: "Ist der Altersunterschied groß, fällt der Vergleich oft weg", sagt sie. Geschwister, die sehr nah beieinander sind, erleben hingegen häufiger Konkurrenz und Vergleiche, was Spannungen begünstigen kann.
Manchmal passt es schlicht nicht. Introvertierte treffen auf Draufgänger, Regelbrecher auf Perfektionisten. "Die Unterschiede können so groß sein, dass man sich ohne familiäre Bindung vermutlich nie ausgesucht hätte", meinen die Therapeutinnen. Nähe entsteht dann nicht automatisch – und das ist kein Versagen.
Nicht jede Geschwisterbeziehung muss innig sein. Ob täglicher Kontakt, höfliche Distanz oder gelegentliches Wiedersehen zu Feiertagen – entscheidend ist, dass die Beziehung für beide Seiten stimmig ist. Nähe hat viele Formen. Und manchmal ist Akzeptanz der ehrlichste Ausdruck von familiärem Frieden.