Infantino verteidigt seine umstrittenen Investoren-Pläne bei der FIFA. Erste Verbände zeigen sich offen für die Idee – sogar vereinzelt aus dem so kritischen Europa.
"Es ist ein Vorschlag, ein Angebot, Teil eines demokratischen Beratungsprozesses", rechtfertigte sich der FIFA-Präsident nach einer Welle der Entrüstung über seine Pläne, Anteile an der WM zu verkaufen, in einem Video, das der Weltverband veröffentlichte. "Es ist eine Gelegenheit, aber keine Verpflichtung", schob Infantino an und ruderte damit sichtlich zurück. Den massiven Widerstand vor allem aus Europa, das machte Infantino deutlich, könne er in keiner Weise nachvollziehen.
Vor der Dringlichkeitssitzung der wohl mit Boykott-Gedanken spielenden Mitgliedsverbände der UEFA am Donnerstagnachmittag präsentierte der 56-Jährige in aller Ausführlichkeit die Vorzüge seiner neuesten Geschäftsidee. Er verspreche sich davon die "Erschließung bisher nicht realisierter Werte". Die "kommerzielle Seite des Fußballs" zu stärken, sei "der logische nächste Schritt" in der Entwicklung, betonte Infantino. Schließlich kämen bislang zu geringe Tranchen der gestiegenen FIFA-Einnahmen an der Basis an.
"Höhere Zahlungen an die Mitgliedsverbände bedeuten höhere Investitionen in bessere Fußballplätze, stärkere Nationalmannschaften und ebnen den Weg für Jungen und Mädchen überall auf der Welt", sagte er und versprach: "Wir kümmern uns um alle." Die FIFA wolle "das nächste Kap Verde schaffen". Augenscheinlich sind es Versuche, die kommerziellen Interessen der FIFA selbst in den Hintergrund zu rücken und beinahe als Wohltätigkeitsgedanke darzustellen.
Für seine milliardenschwere Idee begeistern will Infantino die 211 FIFA-Mitgliedsstaaten bis zum 19. September. Dies ist laut Medien die Deadline, bis zu der die Verbände ihre reichlich entlohnte Zustimmung geben können.
Gelockt wird mit hohen Summen, gleich mit dem Ja-Wort für die Pläne sollen 20 Millionen US-Dollar (rund 17,5 Millionen Euro) abrufbar sein. Außerdem wird mit der Aussicht auf eine nochmals erweiterte WM geködert – 64 Teams stehen hier im Raum. Neben der Zustimmung des vorab offenbar nicht informierten FIFA-Councils braucht es zur Umsetzung des Vorhabens eine einfache Mehrheit von den Verbänden, 106 Befürworter würden reichen. Dies dürfte trotz der Kritik der Verbände aus Europa, Asien (AFC), Nord- und Mittelamerika sowie Karibik (CONCACAF) machbar sein.
Auch wenn beispielsweise DFB-Präsident Bernd Neuendorf die Pläne als "fatales Zeichen" einstuft, scheint es innerhalb der UEFA keine hundertprozentige Einigkeit zu geben. Er sehe in der Idee "die praktischen Vorteile", sagte Tschechiens Verbandspräsident David Trunda bei Sky News: "Natürlich brauchen wir noch weitere Einzelheiten, aber meiner persönlichen Ansicht nach sind die positiven Auswirkungen der Absichten der FIFA erkennbar." Der tschechische Ligaverband rüffelte Trunda allerdings sogleich und stellte sich hinter die UEFA um Präsident Aleksander Ceferin.
Während die Europäer in ihrer Dringlichkeitssitzung auch über einen möglichen Boykott der WM und der Klub-WM beraten, zeigten sich AFC und CONCACAF mehr irritiert über das Vorgehen der FIFA als über die Idee an sich, WM-Anteile an private Investoren zu verkaufen. Während sich Südamerika bedeckt hält, signalisierte Afrikas Fußballverband (CAF) als erste Dachorganisation Unterstützung. Die Mitgliedsverbände wurden aufgefordert, den Vorschlag zu prüfen und sich am Konsultationsprozess zu beteiligen.
Dies ist insofern bedeutsam, als die afrikanischen Nationen innerhalb des Weltverbandes 54 Stimmen besitzen und für die Entscheidung über das geplante Tochterunternehmen FIFA Forward Enterprise (FFE) eine große Rolle spielen. Die CAF sei "entschlossen, den Dialog und die Zusammenarbeit mit ihren Mitgliedsverbänden, der FIFA, anderen Fußballkonföderationen und Interessengruppen fortzusetzen, um die finanziellen und sonstigen Ressourcen für die Entwicklung und das Wachstum des Fußballs in Afrika und weltweit zu stärken", hieß es in dem Statement.
Die FIFA plant, in der noch zu gründenden Firma die kommerziellen Rechte an der Fußball-WM und der Klub-WM zu bündeln und Investoren an Bord zu holen. 20 bis 30 Prozent der Anteile könnten an externe Unternehmen gehen, hier gilt bereits Joshua Kushner, der Bruder von Trump-Schwiegersohn Jared Kushner, als Interessent. Im nächsten WM-Zyklus bis 2030 sollen so zehn Milliarden US-Dollar lukriert werden, was 8,8 Milliarden Euro entspricht. Lehnen die Verbände den Vorschlag ab, wären es "nur" 2,7 Milliarden Euro.
Warum es Infantino selbst so wichtig ist, dürfte wohl in seiner persönlichen Zukunft liegen. Nach seiner geplanten und kaum zu verhindernden Wiederwahl 2027 muss er den Sessel als FIFA-Präsident spätestens 2031 räumen. Dann könnte Infantino Geschäftsführer der neuen Firma werden. Dann hätte er sein eigenes Machtimperium geschaffen.