Wien warnt vor Folgen

EU will jetzt hunderte Mini-Atomkraftwerke bauen

Für EU-Kommissionspräsidentin war Deutschlands Ausstieg aus der Atomkraft ein "strategischer Fehler". Mini-Atomkraftwerke seien die Lösung.
Nick Wolfinger
10.03.2026, 14:21
Hör dir den Artikel an:
00:00 / 02:45
1X
BotTalk
Loading...
Angemeldet als Hier findest du deine letzten Kommentare
Alle Kommentare
Meine Kommentare
Sortieren nach:

Kommentare neu laden
Nach oben

Die EU setzt voll auf Atomkraft. Wenn es nach der EU-Kommission geht, sollen schon in vier Jahren die ersten sogenannten "Small Modular Reactors" (SMR) ans Netz gehen, also "kleine modulare Reaktoren". Damit soll die Abhängigkeit von Öl und Gas gesenkt werden.

„Die Abkehr von der Atomkraft war ein strategischer Fehler“
Ursula von der LeyenEU-Kommissionspräsidentin am Dienstag in Brüssel

Eine "grüne" Energie-Revolution also? Geht es nach Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, dann ja. Sie will privaten Investoren 200 Millionen Euro an Starthilfe zur verfügung stellen, wie sie am Dienstag bei einer Pressekonferenz in Brüssel bekannt gab.

"Grüne" Revolution oder Wahnsinn?

Geht es nach Umweltschützern, befindet sich man mit dieser Idee aber klar auf dem "Holzweg", wie die NGO Global 2000 klarstellt. Außerdem: So "klein", dass man sie etwa auf seinen Balkon stellen könnte, sind die Reaktoren auch nicht. Auch Wiens Klimastadtrat Jürgen Czernohorsky warnt: "Die EU schlägt einen gefährlichen Weg ein".

Funktionsweise des "kleinen" modularen Reaktors (SMR). So klein ist er gar nicht.
Global 2000

Auch bei SMR sind immer noch hunderte Millionen Euro an Investitionen nötig, die sich nach Ansicht von Kritikern nie rechnen würden im Vergleich zu Wind-, Wasser- und Solarkraft, sofern man nicht unzählige Steuer-Milliarden an Förderungen zuschießt. Um fossile Energien zu ersetzen, müssten hunderte dieser "Mini"-Reaktoren gebaut werden.

Massiver Ausbau der Atomkraft geplant

"Unser Ehrgeiz beschränkt sich jedoch nicht auf kleine modulare Reaktoren. Wir müssen auch das gesamte nukleare Ökosystem stärken – von den Brennstoffen bis zur Technologie, von den Lieferketten bis zu den Kompetenzen", so von der Leyen bei einer Pressekonferenz am Dienstag in Brüssel.

Mini-Atomkraftwerke

Kleine modulare Reaktoren (SMR) sind Kernreaktoren mit einer Leistung von bis zu 300 MW(e) pro Einheit, was etwa einem Drittel der Erzeugungskapazität herkömmlicher Kernkraftwerke entspricht. Da sie kleiner sind, sind die Baukosten niedriger. Es bräuchte dafür aber auch deutlich mehr von ihnen. Aufgrund der hohen Fixkosten im Betrieb wäre der Strompreis aber höher als bei einem "großen" Atomkraftwerk.

Um die Entwicklung der Mini-Atomkraftwerke voranzutreiben, sollten Vorschriften über die Grenzen hinweg angeglichen werden. "Der Grundgedanke ist einfach: Wenn der Einsatz einer Technik sicher ist, muss es einfach sein, sie überall in Europa einzusetzen", so von der Leyen.

Für Umweltministerium "alter Hut"

In einem Papier des österreichischen Umweltministeriums hält man erkennbar wenig von der Idee, "kleine" Atomkraftwerke über den ganzen Kontinent zu verteilen. In dem 2024 erstellten Dokument "Kleine modulare Reaktoren – Die Kraft des Versprechens" heißt es:

Aus einem Papier des österreichischen Umweltministeriums (2024)

Kleine modulare Reaktoren, kurz SMR, sind wieder en vogue. Ein alter Hut mutiert zum neuen Hit. In den 1950er und 1960er Jahren wurden ein paar von ihnen tatsächlich gebaut, namentlich in den USA. Das nahm nicht immer ein gutes Ende. So ging der kleine Elk River Reaktor nach fünf Jahren Bauzeit in Betrieb, um 1968, nur dreieinhalb Jahre später, für immer abgeschaltet zu werden.

Und es sollte zehn Jahre dauern, bis Fermi-1, ein experimenteller Schneller Brüter am Ufer des Eriesees, 1966 die erste Kilowattstunde Strom lieferte. Zwei Monate später kam es zu einer Teilschmelze des Reaktorkerns. Das Buch "We Almost lost Detroit" entwickelte sich zum Bestseller.

Wien für Atomkraft-freies Europa

“Wer glaubt, dass Atomkraft die Lösung für Europas Energiefragen ist, befindet sich auf dem Holzweg. Wer Atomkraft als sicher bezeichnet, dem sei ein Blick nach Fukushima empfohlen. Ein GAU kann jederzeit wieder passieren", warnte auch die Umweltorganisation Global 2000 am Dienstag in einer Aussendung.

Auch aus Wien kommen mahnende Worte: "Atomkraft ist keine nachhaltige Energieform, weil die Atomindustrie bewusst viele negative Umweltfolgen und Risiken einfach in Kauf nimmt!" so Wiens Klima-Stadtrat Czernohorszky, der auch Vorsitzender des Städtenetzwerk Cities for a Nuclear Free Europe (CNFE) ist.

Atomkraft "teuerste Energieform"

"Gerade in diesen Tagen, in denen sich die Nuklearkatastrophe von Fukushima zum 15. Mal jährt, wird einmal mehr deutlich, welche langfristigen Risiken mit dieser Technologie verbunden sind. Atomkraft kann Schäden an unserer Umwelt verursachen, die nicht mehr reparabel sind. Darüber hinaus ist Atomkraft derzeit die teuerste Energieform. Jede Investition in diesem Bereich bindet finanzielle Mittel, die wir im Kampf gegen den Klimawandel dringend brauchen", so Czernohorszky in einer Aussendung am Dienstag.

{title && {title} } NW, {title && {title} } 10.03.2026, 14:21
Jetzt E-Paper lesen