Strafunmündige Intensivtäter

"Fahrlässig" – Psychiater kritisiert Wiener Auszeit-WG

Die neue Auszeit-WG für kriminelle Kinder unter 14 Jahren sorgt für große Kritik. Ein renommierter Jugendpsychiater spricht von gravierenden Mängeln.
Wien Heute
30.07.2026, 11:04
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Die neue Auszeit-WG für kriminelle Kinder unter 14 Jahren in Wien-Simmering steht massiv unter Beschuss. Ein renommierter Kinder- und Jugendpsychiater und der Österreichische Berufsverband der Sozialen Arbeit (OBDS) werfen dem Projekt schwere fachliche Mängel vor. Auch die Wiener ÖVP fordert nun vollständige Transparenz.

Vernichtendes Urteil

Seit Mitte Juli läuft das Pilotprojekt der Wiener Kinder- und Jugendhilfe (MA 11), das jährlich fast eine Million Euro kostet. Kinder sollen dort zunächst sechs Wochen untergebracht werden, eine Verlängerung auf bis zu zwölf Wochen ist möglich. Grundlage ist ein 17-seitiges Konzeptpapier des Trägervereins "neue wege", das nun von Experten scharf kritisiert wird.

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Der forensische Kinder- und Jugendpsychiater Patrick Frottier kommt zu einem vernichtenden Urteil. Das Papier entspreche "nicht einmal im Ansatz einem Konzept für eine Einrichtung mit dieser Tragweite". Es sei "mehr als naiv zu glauben", dass während eines sechswöchigen Aufenthalts "irgendeine noch so professionelle Intervention Aussicht auf Erfolg haben wird", so sagt er gegenüber der APA.

"Es sind immer noch Kinder"

Frottier warnt davor, die Erwartungen an das Projekt völlig zu überschätzen. Selbst ein Aufenthalt von drei Monaten reiche bei dieser Gruppe nicht aus, "um eine relevante Verhaltensänderung zu bewirken". Besonders problematisch sei, dass den Kindern ein intensives Beziehungsangebot gemacht werde, das nach wenigen Wochen wieder ende. Das sei "fachlich - speziell bei Kindern mit Bindungsstörung - sogar fahrlässig, ein intensives Bindungsangebot zu machen, das nach sechs, spätestens zwölf, Wochen wieder beendet wird."

Auch der Umgang mit Zwangsmaßnahmen bereitet dem Experten Sorgen. Laut Konzept soll das Personal regelmäßig in Selbstverteidigung und Festhaltetechniken geschult werden. Ohne jahrelanges Training sei das jedoch "potenziell gefährlich, für die Kinder wie für das Personal selbst". Zudem fehle dem Konzept "jegliche pädagogische sowie wissenschaftliche Grundlage" und es sei von "naiven Vorstellungen über die zu betreuenden Kinder" sowie "inhaltsarmen Absichtserklärungen" geprägt.

Sozialarbeiter schlagen Alarm

Ähnlich kritisch äußert sich der Österreichische Berufsverband der Sozialen Arbeit. Geschäftsführerin Julia Pollak erklärt: "Dieses Papier entspricht nicht den wissenschaftlich und fachlich anerkannten Standards der Sozialen Arbeit." Besonders schwer wiege das Fehlen eines Schutzkonzepts für Kinder sowie einer Auseinandersetzung mit Machtdynamiken in geschlossenen Einrichtungen.

"Ich kann von einem Elfjährigen nicht erwarten, dass er bei einem Übergriff eine Person der Kinder- und Jugendanwaltschaft anruft, die er nicht kennt", sagt Pollak. "Das ist nicht ausreichend." Für sie wirkt das Papier, als sei es aus unterschiedlichen Konzepten sozialer Einrichtungen zusammengesetzt worden. "Sozialarbeiterische Fachkräfte müssen sich gut überlegen, ob sie das im Rahmen ihrer professionellen Autonomie mittragen können", warnt sie. Ihr Fazit: "Wenn dieses Konzept tatsächlich die Grundlage für den pädagogischen Ansatz darstellt, ist das nicht mit den Standards der Sozialarbeit und Sozialpädagogik vereinbar."

ÖVP fordert Offenlegung

Die Wiener Volkspartei sieht sich durch die Expertenkritik bestätigt. Familiensprecherin Sabine Keri verlangt die vollständige Veröffentlichung des Konzepts sowie eine unabhängige fachliche Evaluierung. "Wenn ein führender Jugendpsychiater von gravierenden fachlichen Mängeln, fachlicher Fahrlässigkeit und einem Konzept ohne wissenschaftliche Grundlage spricht, dann kann die SPÖ-Neos-Stadtregierung nicht einfach zur Tagesordnung übergehen", so Keri.

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Weiter betont sie: "Hier geht es nicht um parteipolitische Diskussionen, sondern um hochbelastete Kinder und Jugendliche. Gerade deshalb braucht es höchste fachliche Qualität und vollständige Transparenz."

Stadt verteidigt Projekt

Das Büro der zuständigen Vizebürgermeisterin Bettina Emmerling (NEOS) weist die Vorwürfe zurück. Man gehe davon aus, "dass es sich bei den Unterlagen um Handouts des Trägers für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter handelt, um die besprochenen Inhalte schriftlich festzuhalten." Das Konzept sei auf Basis der geltenden gesetzlichen Bestimmungen gemeinsam mit der MA 11 entwickelt und geprüft worden. Zudem habe der Träger sein Konzept "auch mit anderen Stellen fachlich diskutiert".

{title && {title} } red, {title && {title} } 30.07.2026, 11:04