Frau flehte Polizei um Hilfe an, bekam 200 Euro Strafe

Anwältin Aleksandra Fux mit Mandantin Sarah H.
Anwältin Aleksandra Fux mit Mandantin Sarah H.Sabine Hertel
Statt Schutz vor ihrem aggressiven Mann zu bekommen, wurde Sarah H. von Beamten angeschrien und gestraft. "Heute" liegt das Tonband vom Einsatz vor.

Für Sarah H. (Name der Redaktion bekannt) ist die Polizei weder Freund noch Helfer. Weil ihr Noch-Ehemann betrunken und aggressiv war, rief die 37-Jährige eine Freundin an. "Ich hatte meine Kinder zur Nachbarin gegeben, weil ich ihnen seine Aggressionen ersparen wollte", erzählt die Wienerin, die in Scheidung lebt, im Gespräch mit "Heute".

Elf Jahre lang war Sarah H. verheiratet. "Mein Mann ist schon seit Jahren aggressiv und trinkt. Manchmal kommt er tagelang nicht nach Hause. Er erklärt mir täglich, dass ich dumm bin und beschimpft mich. Er schreit auch viel mit meiner großen Tochter." Erst nach einer Therapie fand die Zweifach-Mutter vor Kurzem den Mut, die Scheidung einzureichen. "Ich dachte vor der Therapie, es sei normal, dass mich mein Mann so behandelt." 

"Gerade in Zeiten, wo in Österreich die Anzahl der Gewaltdelikte gegen Frauen explodiert und fast wöchentlich ein Frauenmord vermeldet wird, sollten die Polizeibeamten mit geschärfter Sensibilität an jene Sachverhalte herantreten, in welchen Gewalt gegen Frauen oder nur deren Gefährdung im Raum steht." – Anwältin Aleksandra Fux
Anwältin Aleksandra Fux
Anwältin Aleksandra FuxSabine Hertel

Doch obwohl die Scheidung am Tisch liegt, wohnt die 37-Jährige noch mit ihrem künftigen Ex unter einem Dach und ist somit dem täglichen Terror ausgeliefert. "Geht sie aus der Wohnung, ist es ein böswilliges Verlassen und somit eine Eheverfehlung", erklärt Sarahs Anwältin Aleksandra Fux. "Zieht der Mann nicht bald aus, so werden wir einen Antrag auf gesonderte Wohnungsnahme stellen, weil das Zusammenleben unzumutbar ist."

Polizeieinsatz auf Tonband festgehalten

Auch an dem Abend des Polizeieinsatzes war laut Sarah H. das Verhalten ihres Noch-Ehemannes unzumutbar. "Ich habe eine Freundin gebeten, vorbeizukommen, weil ich Angst hatte." Auch diese sollte die Wut des Mannes zu spüren bekommen: "Er holte zum Schlag aus und schrie: 'Wenn du dich nicht sofort verpisst, wird dir gleich der Kopf von den Schultern abfallen'", schildert die betroffene Freundin (Name der Redaktion bekannt) gegenüber "Heute". Gegen 20:30 Uhr wurde schließlich die Polizei zur Wohnung gerufen. Sarah H. flehte die Beamten um Hilfe an und erklärte ihnen mehrere Male, dass sie und ihre Kinder (drei und zehn Jahre alt) Angst hätten.

Von Mann verprügelt – Frau konnte nicht mehr sprechen

Doch anstatt zu helfen, ließen die drei Beamten die Frau kaum zu Wort kommen. Der ganze Polizeieinsatz wurde von Sarah H. auf Tonband festgehalten. Die Aufnahmen liegen "Heute" vor. Einer der Männer erklärte: "Wenn Sie Streit haben, ist mir das prinzipiell egal (…) Es ist mir eigentlich egal, wer wen schlägt (…) Was sollen wir jetzt machen, was stellen Sie sich vor, dass wir ihn rauswerfen?" Die Wienerin erklärte daraufhin: "Ja, bitte. Wir haben Angst vor ihm. Er trinkt viel Alkohol." Der Polizist erwiderte: "Es haben immer alle Angst. Schauen Sie, Sie wirken auf mich eher bedrohlich als der Mann (…) Sie müssen sich das selbst ausmachen wer geht und nicht geht. Wir können niemanden aus der Wohnung werfen."

"Ich hab schon Frauen mit Kinder eingesperrt, weil sie nicht aufgehört haben, zu reden. (…) Wenn Sie mit ihrem Mann auch so reden, wundert es mich nicht, dass er irgendwann zum Schreien anfangt. Ich werd auch laut mit ihnen." – Beamter

Die 37-Jährige fragte schließlich verzweifelt, was sie und ihre Kinder nun machen sollten. Die Antwort der Beamten: "Sie werden das jetzt regeln wie erwachsene Leute. Einer von ihnen kann gehen oder muss gehen, wie Sie das regeln, ist mir wurscht. Sie können auch beide hierbleiben, ich glaube die Wohnung ist groß genug oder, dass sie sich aus dem Weg gehen. Wenn sie Streit haben, versteh ich, dass das eine aufwirbelnde Situation ist, aber es ist mir eigentlich egal, wenn sie streiten. Haben Sie mich verstanden?"

Wienerin flatterte 200 Euro Strafe ins Haus

Enttäuscht erklärte die Wienerin: "Ich habe gedacht, Österreich ist das richtige Land für Frauen mit Kindern." Einer der Polizisten schrie daraufhin: "Ich hab schon Frauen mit Kinder eingesperrt, weil sie nicht aufgehört haben zu reden. (…) Wenn Sie mit ihrem Mann auch so reden, wundert es mich nicht, dass er irgendwann zum Schreien anfangt. Ich werd auch laut mit ihnen."

Nach knapp 20 Minuten zogen die Beamten schließlich ab. Trotz verzweifelter Appelle wurde Sarahs künftiger Ex nicht aus der Wohnung weggewiesen. Dafür aber flatterte wenige Tage später ein Polizeibrief ins Haus: Sarah H. wurde wegen "Lärmerregung und Anstandsverletzung" zu 200 Euro Strafe verdonnert. Laut Polizei hätte sie die Beamten als "inkompetent" und "blöd" bezeichnet. "Das stimmt nicht", beteuert die 37-Jährige und kann dies auch beweisen. Denn auch auf dem Tonband sind derartige Aussagen nicht zu hören.

Anzeige bei Staatsanwaltschaft eingebracht

Sarahs Anwältin hat nun Einspruch gegen die Strafe eingelegt und bei der Staatsanwaltschaft Anzeige wegen Amtsmissbrauchs erstattet. "Gerade in Zeiten, wo in Österreich die Anzahl der Gewaltdelikte gegen Frauen explodiert und fast wöchentlich ein Frauenmord vermeldet wird, sollten die Polizeibeamten mit geschärfter Sensibilität an jene Sachverhalte herantreten, in welchen Gewalt gegen Frauen oder nur deren Gefährdung im Raum steht", so Fux.

Dunkelziffer der Gewalt gegen Frauen viel höher

"Diese Frauen im Stich zu lassen, einzuschüchtern und mit unwahren Behauptungen einer Strafverfolgung auszusetzen, ist weder mit der österreichischen Rechtsordnung zu vereinbaren, noch mit jedem Mindestmaß an Anstand und Moral. Gerade dieses sollten die österreichischen Polizeibeamten im höchsten Maße aufweisen."

Die Polizei erklärte auf "Heute"-Nachfrage: "Es wurde bereits ein Rechtsmittel eingelegt. Des Weiteren können wir aus datenschutzrechtlichen Gründen diesbezüglich keine Auskunft geben."

Hilfe für Betroffene

Frauenhelpline (rund um die Uhr, kostenlos): 0800 222 555

Männernotruf (rund um die Uhr, kostenlos): 0800 246 247

Rat auf Draht: 147

Autonome Frauenhäuser: 01/ 544 08 20

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