Mit der 0:2-Niederlage bei Borussia Dortmund legte Deutschlands Rekordmeister den schlechtesten Saisonstart aller Zeiten hin: Nach sieben Spielen stehen nur acht Punkte und Rang zwölf zu Buche. Dazu kommt der schwächste Sturm der Liga mit bislang nur fünf Toren - gerade einmal soviel, wie Dortmund (mit der besten Abwehr) bislang kassierte.
Im Vorjahr holten die Bayern unter ihrem neuen Trainer Louis van Gaal nach einem Holperstart noch das Double und zogen in das Champions-League-Finale ein, in dem man Inter Mailand allerdings hoffnungslos unterlegen war. Dorthin waren die Münchner aber auch erst dank eines meterweiten Abseitstores von Miroslav Klose gegen Fiorentina gekommen. Der Verein befand den Kader für stark genug und unternahm im Sommer erstmals in der Geschichte keine Neuverpflichtungen.
Ohne Superstars nur Mittelmaß
Die Flügelzange um Franck Ribery und Arjen Robben wurde trotz der äußerst schwach spielenden deutschen Nationalstürmer Mario Gomez und Miro Klose als gut genug angesehen, um die Konkurrenz auseinander zu wirbeln. Doch nun sind die Mittelfeld-Regisseure für längere Zeit verletzt und der FC Bayern präsentiert sich bieder wie ein Mittelständler. Überlegener Ballbesitz wird durch Querspielen und Herumschieben des Balles in der Abwehr erreicht - doch Zählbares kam dabei heuer noch wenig heraus.
Im Mittelfeld fehlt es ohne "Robbery" an Kreativität und Geschwindigkeit, die Abwehr schwimmt und der Sturm ist harmlos wie ein laues Lüfterl. Bestes Beispiel dafür war wieder einmal das gestrige Spiel gegen die Dortmunder Borussia, die nach dem 2:0-Sieg als Tabellenzweiter bereits fünf Punkte Vorsprung auf Rang drei hat. Der erstplatzierte FC Mainz 05 (mit Christian Fuchs und Andreas Ivanschitz) liegt bereits dreizehn Punkte vor den zwölftplatzierten Bayern.
Gomez und Demichelis, die großen Verlierer
In der ersten Halbzeit hatte Dortmund noch zu viel Respekt vor dem Rekordmeister und spielte unsicher. Doch dank Torwart Roman Weidenfeller und Bayern-Stürmer Mario Gomez stand es zur Pause noch 0:0. Denn der 30-Millionen-Euro-Mann, der seit langem wieder einmal von Beginn an ran durfte, versiebte trotz guter Ansätze vier hochkarätige Chancen zur Führung. In Hälfte zwei war er dann komplett abgetaucht, verlor beim ersten Gegentreffer durch Lucas Barrios einen entscheidenden Zweikampf.
Der zweite große Verlierer neben Gomez war bei den Bayern Abwehr-Mann Martin Demichelis. Wegen zahlreicher Patzer eigentlich von Trainer van Gaal aussortiert, musste er für den verletzten Daniel van Buyten ins Spiel. Mit einem Kopfball vor das eigene Tor leitete er den Führungstreffer der Dortmunder ein, mit einem Handspiel an der Strafraumgrenze bescherte er dem BVB einen Freistoß, den Nuri Sahin bilderbuchmäßig verwandelte.
Unsichere Zeiten
Während Bayerns Präsident Ulli Hoeneß nach dem Spiel in gewohnter Manier tobte, schrieb Ehrenpräsident Franz Beckenbauer die Meisterschaft so gut wie ab. Louis van Gaal setzte weiterhin auf Durchhalteparolen, wirkte aber angeschlagen. Kapitän Mark van Bommel hinterfragte die Einstellung seiner Mannschaftskollegen. Doch alle ließen anklingen, wer diese Saison bislang Hauptschuld an der Misere trägt: Chancen sind vorhanden, doch niemand macht die Tore - und das fällt ins Aufgabengebiet von Mario Gomez, Miroslav Klose und Ivica Olic.
Wer Ulli Hoeneß kennt, weiß, dass niemand vor seinem Zorn sicher ist, wenn sich die Bayern nicht bald selbst aus der Lethargie hieven. Die Chancen sind groß, dass im Winter Sturm und Abwehr verstärkt werden. Und auch Louis van Gaal, der nicht zu den Modernisten unter den Trainern zählt, darf sich nicht zu lange seines Jobs sicher sein, wenn die Ergebnisse ausbleiben.
Jörg Michner