Mehr als vier Jahre nach Beginn des russischen Angriffskriegs sorgt eine Aussage des ukrainischen Generalstabschefs Oleksandr Syrskyj für Aufsehen. Demnach soll der Kreml mehrere neue militärische Szenarien prüfen lassen - darunter auch einen erneuten Vorstoß auf die ukrainische Hauptstadt Kiew.
In einem Interview mit dem Sender TNS erklärte Syrskyj: "Wir wissen, dass Putin seinen russischen Generalstab beauftragt hat, verschiedene Optionen zu berechnen." Es seien mehrere Möglichkeiten für russische Operationen ausgearbeitet worden - eine davon "mit dem Ziel, Kiew einzunehmen".
Bereits in den ersten Wochen des russischen Angriffskriegs im Februar 2022 hatten russische Truppen versucht, die Millionenstadt einzunehmen. Anfang April mussten sie sich nach heftigen Kämpfen jedoch aus dem Raum Kiew zurückziehen. Der Kreml erklärte später, die Eroberung der Hauptstadt sei nie das Ziel gewesen.
Nach Einschätzung Syrskyjs könnte ein neuer Angriff auf Kiew über Belarus erfolgen. Gleichzeitig hält er dieses Szenario derzeit für eher unwahrscheinlich. "Angesichts der jüngsten Ereignisse glaube ich jedoch nicht, dass die Führung von Belarus es wagen wird, dem Aggressor eigenes Territorium zur Nutzung zu überlassen und als Sprungbrett für eine Offensivoperation dienen zu lassen."
Stattdessen hält der General einen Vorstoß aus der russischen Region Brjansk in den Nordosten der Ukraine für wahrscheinlicher. Ziel könnte dabei die Eroberung weiterer Gebiete sein, um die ukrainischen Streitkräfte an anderen Frontabschnitten zu schwächen. Dennoch werde auch die Möglichkeit eines erneuten Angriffs auf Kiew ernst genommen.
Auch Experten sehen die Entwicklung kritisch. Das US-Institut für Kriegsforschung schreibt: "Putins Denken scheint sich immer weiter von den Realitäten auf dem Schlachtfeld zu entfernen." Russische Streitkräfte würden "weiterhin erhebliche Ressourcen und Personal einsetzen, um unrealistische Ziele zu erreichen".