Oberst Markus Reisner

"Selbst Putin kann das nicht mehr verschweigen!"

Der Kreml-Kriegstreiber steht zunehmend unter Druck. Mit Wladimir Putin sei jedoch kein dauerhafter Frieden zu machen, warnt Reisner die Ukraine.
Newsdesk Heute
30.06.2026, 19:22
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Der Krieg in der Ukraine verlagert sich immer stärker in die Luft. Während Russland weiter mit Raketen und Drohnen ukrainische Städte, Energieanlagen und Infrastruktur angreift, trifft Kyjiw inzwischen immer öfter Ziele tief im russischen Hinterland.

Für den österreichischen Militärexperten Oberst Markus Reisner ist klar: Die strategische Luftkampagne der Ukraine gewinnt sichtbar an Fahrt.

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Besonders deutlich wurde das zuletzt bei einem Angriff auf das russische Rüstungsunternehmen Titan Barrikady nahe Wolgograd. Laut Reisner lassen sich auf Satelliten- und Bildmaterial drei Treffer erkennen. Aufnahmen vom Boden sollen schwere Schäden an zumindest einer Halle zeigen.

Der Betrieb ist für Russland von großer Bedeutung. Dort werden unter anderem Abschussvorrichtungen für das mobile taktische Raketensystem "Iskander-M", Ausrüstung für strategische Raketentruppen und Komponenten für weitere Raketensysteme hergestellt.

Diese Waffen kommen auch im Krieg gegen die Ukraine zum Einsatz. Deshalb geht Reisner davon aus, dass der Angriff Folgen für das Geschehen an der Front haben wird. Besonders bemerkenswert sei aber etwas anderes: Russland war offenbar nicht in der Lage, eine derart wichtige Anlage vor ukrainischen Angriffen zu schützen.

Auch in Moskau selbst wird die neue Lage spürbar. Immer wieder tauchen Bilder von Rauchwolken, Drohnenalarm und Schäden auf. Dazu kommen Videos von langen Schlangen an Tankstellen. In sozialen Netzwerken beklagen russische Zivilpersonen zunehmend, dass sie nun selbst angegriffen werden. Laut Reisner ist genau das ein Zeichen dafür, dass die Ukraine Russland immer stärker unter Druck setzt.

Die ukrainischen Angriffe hätten inzwischen eine Intensität erreicht, mit der sie sogar den dichten Fliegerabwehrgürtel rund um Moskau durchdringen könnten. Satellitenaufnahmen würden zeigen, dass Russland derzeit einen weiteren Abwehrring um die Hauptstadt errichtet. Es wäre bereits der fünfte. Für Reisner ist das ein Hinweis darauf, dass die bisherigen Schutzmaßnahmen nicht ausreichen.

Auch die Bilanz der Luftangriffe zeigt eine Verschiebung. Russland führe zwar weiterhin alle fünf bis zehn Tage schwere Luftangriffe gegen die Ukraine durch. Die tägliche Zahl der angreifenden russischen Drohnen sei aber auf etwa 100 zurückgegangen. Die Ukraine setze laut Reisner dagegen täglich bis zu 300 Drohnen ein. Alle vier bis fünf Tage würden sogar rund 600 ukrainische Drohnen angreifen.

Für den Oberst bedeutet das: "Ich sehe bei den strategischen Luftangriffen derzeit mindestens eine Parität zwischen den beiden Kräften." Russland hat also nicht mehr automatisch die Oberhand in der Luftkampagne. Kyjiw trifft gezielt Raffinerien, Treibstofflager, Rüstungsbetriebe und andere kritische Einrichtungen. Genau das bringt Moskau zunehmend in Bedrängnis.

Markus Reisner (*1978) ist Oberst des Generalstabsdienstes im österreichischen Bundesheer. Er leitet seit März 2024 die Offiziersausbildung an der Theresianischen Militärakademie in Wiener Neustadt. Seine persönlichen Forschungsschwerpunkte liegen unter anderem bei der technologischen Entwicklungen in der Kriegsführung. Der breiteren Öffentlichkeit ist er durch seine fortlaufenden Analysen des russischen Kriegs gegen die Ukraine bekannt.
Bundesheer/Kristian Bissuti

Selbst Kremlchef Wladimir Putin konnte die Versorgungsprobleme zuletzt nicht mehr völlig ausblenden. In einer Rede sprach er offen über Herausforderungen bei Benzin und Diesel. Für den Militärhistoriker ist das "bemerkenswert", denn offiziell wird in Russland oft von Wartungsproblemen gesprochen. Reisner sieht dahinter aber auch die Folgen ukrainischer Treffer. Wenn Raffinerien, Lager und Transportwege in Flammen aufgehen, wirkt sich das auf den Treibstoffmarkt aus.

"Putin hatte also den Eindruck, er müsse ein Statement abgeben, und hat versichert, es sei alles in Ordnung. Selbst er kann das Offensichtliche nicht mehr verschweigen", so Reisner. Gleichzeitig setzt der Kreml Maßnahmen, um den Treibstoffmarkt zu stabilisieren.

Denn der Informationskrieg läuft auf beiden Seiten weiter: "Sie dürfen aber auch nicht vergessen: Wir leben in unserer Blase, die Russen leben in ihrer Blase." Während in westlichen Medien vor allem die ukrainischen Treffer in Russland zu sehen sind, verbreiten russische Kanäle Bilder von eigenen Drohnenangriffen auf ukrainische Ziele. "Solche Bilder beruhigen die Bevölkerung."

Putin: Unterwerfung der Ukraine weiter Ziel

Obwohl der Druck steigt, zeigt der Kreml-Kriegstreiber bislang keinen Willen, von seinen Eroberungsplänen abzurücken. "Putin hat in dem Statement vom Wochenende auch klar gesagt, dass es unverändert Ziel Russlands ist, die Ukraine niederzuringen. Es geht offensichtlich noch nicht derart ans Eingemachte, dass man sich existenziell bedroht fühlen würde."

Alles hängt nun davon ab, ob die Ukraine die Intensität ihrer Angriffswellen über die nächsten Wochen und Monate aufrechterhalten kann. "Falls die Situation dann wirklich ernst wird, wird man es daran erkennen, dass Putin rhetorisch, aber auch in den Maßnahmen eskaliert", schildert Reisner. "Aus den vergangenen Jahren wissen wir: Ein guter Indikator dafür ist es, wenn der Kreml mit Atomwaffen droht." 2022, als sich die Situation bei Cherson zuspitzte, hatte es solche Drohungen gegeben, die von den USA auch sehr ernst genommen wurden.

Reisner erinnert auch daran, dass Russland in seiner Nukleardoktrin grundsätzlich festhält, auch auf bestimmte konventionelle Angriffe mit Nuklearwaffen antworten zu können. Das heißt nicht, dass ein solcher Schritt unmittelbar bevorsteht. Aber es sei Teil der russischen Drohkulisse. Auch andere Formen der Eskalation seien denkbar. So wird etwa vor russischen Provokationen im Baltikum gewarnt, ähnlich wie 2014 auf der Krim mit den sogenannten "kleinen grünen Männchen".

Gleichzeitig laufen nach Einschätzung Reisners Gespräche im Hintergrund weiter. Schon Gefangenenaustausche zeigen, dass beide Seiten miteinander kommunizieren. Auch auf höherer Ebene dürfte es Kontakte geben. Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj ließ zuletzt über Belarus signalisieren, dass er zu Verhandlungen bereit sei.

Für die Ukraine geht es dabei um viel. Kyjiw weiß, dass der nächste Winter kommt. Russland verfügt weiter über genug militärisches Potenzial, um dann erneut massiv gegen Energieversorgung, Städte und Infrastruktur vorzugehen. Die Ukraine will genau das verhindern. Verhandlungen können in so einer Lage auch dazu dienen, den Gegner abzutasten: Wie stark ist er noch? Wo gibt es Schwächen? Gibt es Anzeichen für ein Nachgeben?

Reisner glaubt allerdings nicht, dass es mit der derzeitigen russischen Führung zu einem echten Neuanfang kommen kann. "Putin würde sich um den Erfolg betrogen fühlen. Warum sollte er nachgeben, nachdem er sich mit seinem Einmarsch blamiert hat? Das ist aus meiner Sicht nicht vorstellbar". Vielmehr könnte Russland eine Dolchstoßlegende fabrizieren und eine Waffenruhe nutzen, um seine Armee anzupassen, neue Kräfte aufzubauen und später erneut anzugreifen.

Für die Ukraine wären deshalb Sicherheitsgarantien entscheidend. Ohne Schutz von außen hätte Kyjiw nach einer Waffenruhe kaum Sicherheit vor einem neuen russischen Angriff. Genau hier liegt eines der größten Probleme möglicher Gespräche. Ein Einfrieren der Frontlinie könnte kurzfristig Entlastung bringen. Langfristig wäre die Frage aber offen, ob Russland wirklich auf weitere Gewalt verzichtet.

{title && {title} } red, {title && {title} } Akt. 30.06.2026, 19:32, 30.06.2026, 19:22
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