Russlands Präsident Wladimir Putin bringt plötzlich ein mögliches Kriegsende ins Spiel – und sorgt mit einem brisanten Vorschlag für Aufsehen. Ausgerechnet Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder soll laut Putin bei möglichen Verhandlungen zwischen Moskau und Kyjiw vermitteln. Für Oberst Oberst Markus Reisner ist das ein bemerkenswertes Signal.
"Putin spricht zum ersten Mal von einem Kriegsende. Das haben wir in dieser Deutlichkeit so noch nicht gehört", sagt der Analyst im Interview mit "ntv". Dass ausgerechnet Schröder als Vermittler genannt wurde, sorgt in Deutschland allerdings für heftige Diskussionen. "Nachdem Putin Schröder als Verhandlungsführer ins Spiel gebracht hatte, winkte Berlin aber ab. Dass Schröder allein die Rolle des Verhandlungsführers mit Putin ausfülle, sei keine Option, hieß es", erklärt Reisner.
Doch damit sei die Debatte offenbar nicht beendet. "Nun wird laut meinen Informationen diskutiert, ob Präsident Frank-Walter Steinmeier gemeinsam mit Schröder ein Verhandlungsduo stellen könnte."
Vor allem Schröders enge Beziehung zu Putin sei innenpolitisch ein heißes Eisen. Aber auch Steinmeier steht unter Druck. "Auch Steinmeier geriet in die Kritik aufgrund seiner Nähe zu Russland", sagt Reisner. Dabei verweist er auf die Rolle Deutschlands rund um Nord Stream 2 und das gescheiterte Minsker Abkommen.
Trotzdem warnt der Militärexperte davor, Putins Vorstoß vorschnell als reine Propaganda abzutun. "Das wäre möglich. Aber ich bin da sehr, sehr vorsichtig", sagt Reisner. Russland habe in der Vergangenheit zwar immer wieder vermeintliche Friedensinitiativen gestartet, die später verpufften oder nur Zeit gewinnen sollten. Diesmal sieht er aber Unterschiede.
Vor allem die Rolle von Donald Trump sei auffällig. Laut Reisner habe erst die Intervention des ehemaligen US-Präsidenten dazu geführt, dass die jüngste Feuerpause überhaupt zustande kam. "Bemerkenswert finde ich: Putin ist es nicht allein gelungen, die Ukraine von einer Feuerpause zu überzeugen. Dafür musste US-Präsident Donald Trump intervenieren."
Der Waffenstillstand rund um den Tag des Sieges (9. Mai) habe im Großen und Ganzen gehalten, obwohl beide Seiten vereinzelte Angriffe meldeten. "Es gibt immer ein gewisses Hintergrundrauschen bei solchen Waffenstillständen", erklärt der Militärhistoriker. Entscheidend sei: "Dass weder die Ukraine noch Russland von massiven Angriffen des jeweiligen Gegners sprechen, ist aber ein gutes Zeichen."
Besonders drastisch sind die Zahlen zu den Verlusten auf beiden Seiten. Die russischen Portale Mediazona und Meduza sprechen nach ihren eigenen Zählungen und Hochrechnungen von 352.000 gefallenen russischen Soldaten. Für Reisner sind diese Zahlen glaubwürdig: "Die Angabe ist absolut glaubhaft."
Eine Mitarbeiterin dieser Portale habe auch vor Kurzem die ukrainischen Zahlen recherchiert und sei auf knapp 250.000 gefallene und vermisste Soldaten gekommen. "Diese Angaben decken sich mit denjenigen der USA, die in den vergangenen Jahren punktgenau waren."
Noch dramatischer werde das Bild, wenn man auch Verwundete einbeziehe. Denn dann liegen die tatsächlichen Opferzahlen deutlich höher.
"Das versuchen die Ukrainer ein bisschen zu verschleiern", merkt Reisner an und erklärt: "Präsident Selenskyj spricht von 55.000 getöteten Soldaten. Das ist nicht falsch. Aber die Zahl der vermissten und somit höchstwahrscheinlich ebenfalls gefallenen Soldaten liegt viel höher – aufgrund des steten Vormarsches der Russen in den vergangenen Jahren."
Gleichzeitig entwickelt sich der Krieg technologisch immer stärker weiter. Die Ukraine greift mittlerweile Ziele tief im russischen Hinterland an – teilweise mehr als 1.500 Kilometer von der Front entfernt. Zum Einsatz kommen dabei neue weitreichende Drohnen und Marschflugkörper wie das ukrainische System "Flamingo", unterstützt durch westliche Aufklärungsdaten. "Diese drei Fähigkeiten ermöglichen es der Ukraine auch im fünften Kriegsjahr, enormen Druck auf Russland auszuüben", sagt Reisner.
Wie nervös Moskau mittlerweile auf diese Angriffe blickt, zeigte laut Reisner zuletzt die panzerlose Siegesparade in Russland. "Moskau reagierte aus Furcht vor Drohnenangriffen mit massiven Drohungen", erklärt er. Offensichtlich gelinge es nicht einmal mehr in der Hauptstadt, einen lückenlosen Schutzschirm gegen ukrainische Angriffe aufzubauen.
"Ein Treffer bei einer so symbolträchtigen Veranstaltung hätte aus russischer Sicht verheerende Folgen gehabt, weil das Narrativ, der Krieg, beziehungsweise die 'Spezialoperation' finde 'irgendwo anders' statt, ins Wanken geraten wäre. Entsprechend brauchte es nach dem Telefonat Putins mit Trump die Intervention der USA, um Kyjiw von Angriffen abzuhalten."
Aber auch direkt an der Front haben Drohnen massive Auswirkungen. Auf der taktischen Ebene konnte die Ukraine mit einer großen Zahl der Fluggeräte russische Vormärsche stark erschweren oder ganz verhindern. Die Kreml-Armee versuche deshalb, den Druck auf andere Frontbereiche zu verlagern. "Die Ukraine hat damit das Momentum, das Russland üblicherweise im Frühjahr aufbaut, deutlich abgeschwächt", sagt der Kriegsbeobachter.
Damit ist auf dem Gefechtsfeld eine Pattsituation eingetreten. Weder Russen noch Ukrainer können noch wirklich ihre geschützten Stellungen verlassen. "Jeder, der sich im gläsernen Gefechtsfeld exponiert, läuft Gefahr, in dieser von Zehntausenden Drohnen dominierten Todeszone hohe Verluste zu erleiden."
Genau darin könnte laut Reisner aber auch der Grund liegen, warum Putin nun plötzlich über Verhandlungen nachdenkt. Die Ukraine habe es womöglich geschafft, Russlands Abnutzungskrieg und ihre personellen Probleme mit neuen Technologien teilweise auszugleichen.
Obwohl der militärische Fortschritt schwächelt, hält Moskau noch an seinen Kriegszielen fest. "Kampf bis zum Sieg", lautet das Narrativ des Kremls. Reisner sieht aber Anzeichen für Veränderung: "Man sieht aber auch in Russland, wie sehr der operative Fortschritt hinter den Erwartungen bleib – was durchaus zu einem gewissen Nachdenken führen kann, und aus meiner Sicht ist dies bereits der Fall."