Wie lange kann die Ukraine den russischen Dauerbeschuss bei Eiseskälte noch durchhalten? Diese brisante Frage stellte ZIB1-Moderatorin Nadja Bernhard am Samstag Christian Wehrschütz.
"Ich kann kein konkretes Datum nennen. Aber es ist klar, dass es jetzt ans Eingemachte geht", antwortete der erfahrene Kriegs-Korrespondent mit bitterer Miene. Er befindet sich aktuell wieder in der ukrainischen Hauptstadt.
Mehr als die Hälfte der ukrainischen Energieerzeugung wurde bisher von Atomkraftwerken gestellt. Die russische Armee nimmt nun zunehmend die Stromleitungen und die Umspannwerke unter Beschuss. "Das mit großem Erfolg. Atomkraftwerke müssen heruntergefahren, Meiler abgeschaltet werden, um die Stromproduktion einzuschränken. Das ist ein schwerer Schlag."
Die Folge sind kontrollierte und rollierende Blackouts, die Bezirke Kyjiws werden nur noch stundenweise mit Strom versorgt. Ähnlich auch die Situation auch in anderen Städten: "Sie sehen in der Nacht den Zusammenbruch der Infrastruktur. Wir sind über die Ostslowakei hierhergefahren: Sie sehen Großstädte, die praktisch völlig dunkel sind."
„Wie lange das auch kriegswichtige Betriebe, Krankenhäuser und alles andere betrifft, kann man nicht abschätzen, weil auch das Bombardement weitergeht.“Christian Wehrschützüber die Stromkrise in der Ukraine
Wehrschütz' Einschätzung in der ZIB1 düster: "Jetzt wird die Situation ernst und extrem eng, gerade auch für die Zivilbevölkerung." Auch bei seiner Schaltung in der ZIB 13:00 nahm er sich diesbezüglich kein Blatt vor den Mund: "Die Lage ist für die Masse der Bevölkerung einfach fürchterlich."
"Das Ganze ist ein Niedergang, der völlig klar ist. Man wäscht sich, wenn man Strom hat, man schalt' die Waschmaschine ein, wenn man Strom hat. Man ladet permanent jedes Mobiltelefon und jedes Gerät auf, damit man es hat, wenn kein Strom da ist."
Trump will den Krieg noch vor dem Sommer beenden, doch der erfahrene Osteuropa-Experte sieht eine Einigung zwischen Ukraine und Russland noch in weiter Ferne. Die Frage territorialer Abtretungen sei noch "völlig offen" und "einer der großen Hemmschuhe". Außerdem soll die Ukraine eine Volksabstimmung und Wahlen abhalten. "Wie soll das in einer derartig kurzen Zeit organisiert werden?"
Auf diplomatischer Ebene zeichne sich in vielen Fragen aber eine Annäherung der Amerikaner an Russland ab. Beim Verhältnis USA–Ukraine und USA– Europa sehe man aber kaum Bewegung.
Die Aussagen von Putin und Selenskyj zeigen jedenfalls noch enorme Gegensätze auf. "Ob die überwunden werden können, hängt vielleicht auch von der Entwicklung an der Front ab. Skepsis ist auf jeden Fall angebracht, so wünschenswert ein rasches Kriegsende auch ist", so Wehrschütz abschließend.