Benjamin Netanjahu und Donald Trump haben mit ihrem Iran-Krieg und der resultierenden Wirtschaftskrise die Aufmerksamkeit der Welt auf den Nahen Osten gelenkt, die russische Invasion der Ukraine tobt allerdings ungebrochen weiter.
Die Lage an der Front hat sich allerdings zu einer Pattsituation entwickelt, sagt Oberst Markus Reisner. Das begünstigt die Verteidiger, die in ihren Stellungen ausharren können. Denn durch die enormen Mengen an Drohnen könne sich "keine Maus mehr bewegen", ohne entdeckt zu werden.
"Das gilt für beide Seiten, ist aber für Russland ein größerer Nachteil", erklärt der Austro-Offizier am Montag in seinem Lagebericht auf ntv. Die laufende Dokumentation des Frontverlaufs bekräftigt das. Die Kreml-Krieger erobern Gelände derzeit deutlich langsamer als in den vergangenen Jahren. Das könnte natürlich auch nur eine Ruhe vor dem Sturm, einer nächsten Sommeroffensive, sein, räumt Reisner ein.
„Ein Roboter geht statt eines Kriegers. Spitzentechnologie schützt das Wertvollste – das menschliche Leben.“Wolodymyr Selenskyjüber die Roboter-Armee der Ukraine
Neben der fliegenden Überwachung setzen die Ukrainer aber auch immer mehr auf Bodenrobotern. Mit Drohnen und diesen UGV (unmanned ground vehicles, englisch), "schaffen es die Ukrainer, die Front zu halten. Wenn wir die Front insgesamt betrachten, sehen wir im Wesentlichen eine Pattsituation."
Dabei hat sich die Art, wie dieser Krieg geführt wird, seit Beginn schon mehrfach massiv verändert. Große Vorstöße mobiler Verbände sind schon längst Vergangenheit, auch das Bild eines Grabenkampfes wie im Ersten Weltkrieg ist passé. Drohnen haben alles verändert.
Reisner erklärt: Anstatt großer Grabensysteme gibt es im umkämpften Niemandsland nur unzählige winzige Stützpunkte mit nur zwei oder drei Mann darin. Im freien Gelände sind das etwa Erdbunker, in Dörfern oft Keller zerstörter Häuser. Das Gebiet dazwischen wird von Drohnen beider Seiten nahezu lückenlos überwacht. Diese Todeszone kann bis zu 40 Kilometer breit sein.
In dieser müssen die Russen vorrücken. Sie stoßen deshalb nur noch in Stoßtrupps mit wenigen Soldaten vor. Viele sterben in Minenfeldern oder, verheddert im Stacheldraht, durch Drohnenangriffe. Immer wieder schaffen es aber einige Russen, eine halbwegs sichere Position zu erreichen. Dort bunkern sie sich ein, hoffen darauf, dass Verstärkung ebenfalls durchkommt.
Die russische Drohnenaufklärung versucht parallel, die ukrainischen Stellungen auszumachen und auszuschalten. Doch die Verteidiger bleiben in ihren Deckungen. "Die Ukraine allerdings sucht nicht nur nach vorstoßenden Russen, sondern versucht, diese bereits anzugreifen, bevor sie überhaupt losmarschieren. Es ist ein Katz-und-Maus-Spiel – entlang der gesamten Front."
Der Militärhistoriker zeichnet ein Bild des Horrors: "Dieser Prozess läuft langsam, enorm blutig und verlustreich. Wie dort gekämpft wird, können wir uns kaum vorstellen. Die Russen schicken Soldaten nach vorn in den fast sicheren Tod durch ukrainische Drohnen und kommen kaum vorwärts. Die Ukrainer können kaum Gelände zurückerobern, weil sie sich dafür exponieren müssten."
Die Verteidiger bleiben grundsätzlich unter der Erde, es sei denn, ein Bodenroboter mit Nachschub erreicht den Stützpunkt oder ein Verwundeter muss auf einen solchen aufgeladen werden. "Aber niemand sonst verlässt die Front, es findet keine Ablöse statt, die Ukrainer hocken in notdürftig errichteten Bunkern, über Wochen, über Monate. Diese Soldaten vorne an der Front erleben die Hölle."
Selbst den erfahrenen Kriegsanalysten schocken die Zustände: Die hygienischen Zustände sind katastrophal, die monatelange Isolation greift die Soldaten psychisch enorm an. Und im Winter drohen Erfrierungen, weil jedes Feuer sofort die eigene Position verraten würde.
"Sobald sie das Versteck verlassen, sind sie dem Tod geweiht. [...] Auf dem Schlachtfeld gibt es keinen Rückzug mehr. Die Drohne findet Sie und reißt Sie in Stücke. Der Drohnenkampf hat den Krieg nicht präziser und sauberer gemacht, sondern er hat ihn völlig entartet", fasst es Reisner zusammen.