An der Front in der Ukraine zeichnet sich seit Wochen ein bemerkenswerter Stimmungswechsel ab. Während Russland im Donbass noch vor wenigen Monaten mit seiner materiellen Übermacht Geländegewinne erzielte, häufen sich nun Hinweise darauf, dass die ukrainischen Streitkräfte wieder stärker eigene Akzente setzen können.
Entlang der mehr als 1.200 Kilometer langen Frontlinie bleibt die Lage zwar weitgehend festgefahren. Immer wieder gibt es Meldungen über kleinere russische Vorstöße oder ukrainische Rückeroberungen. Doch die großen Bewegungen bleiben aus.
Gleichzeitig verlagert sich der Druck zunehmend in die Tiefe: Die Ukraine greift immer häufiger mit Drohnen erfolgreich Ölraffinerien, Nachschublinien und militärische Infrastruktur tief im russischen Hinterland an.
Zuletzt wurden neben Zielen nahe Sankt Petersburg auch erneut die Metropolregion von Moskau attackiert. Auch die von Russland annektierte Krim gerät durch massive ukrainische Angriffe stärker unter Druck. In westlichen Hauptstädten wächst deshalb die Hoffnung, dass sich das Kräfteverhältnis langsam zugunsten Kyjiws verschieben könnte.
Oberst Markus Reisner warnt dennoch vor vorschnellen Hoffnungen – und nennt eine Gefahr, die aus seiner Sicht im Westen viel zu selten diskutiert wird.
Entscheidend sei, zwischen Wahrnehmung und militärischer Realität zu unterscheiden, mahnt der hochdekorierte Offizier im Interview mit der "Berliner Zeitung": "Der Krieg wird heute nicht nur zu Land, in der Luft oder auf See geführt, sondern auch im Informationsraum. Dort versucht jede Seite, die Wahrnehmung der Öffentlichkeit zu beeinflussen."
Auf der taktischen und operativen Ebene sieht Reisner weiterhin keine entscheidende Wende. "Wenn man die militärische Lage betrachtet, dann sehe ich auf der taktischen und operativen Ebene weiterhin weitgehend eine Pattsituation." Das liege auch am sogenannten gläsernen Gefechtsfeld: Tausende Drohnen überwachen permanent die Front. Größere Vorstöße durch diese fast 50 Kilometer breite "Todeszone" werden dadurch für beide Seiten extrem schwierig.
Russland erziele zwar Fortschritte in einzelnen Schwerpunktbereichen, etwa rund um Kostjantyniwka oder im Raum Lyman. Große Durchbrüche wie in früheren Kriegsphasen seien derzeit aber nicht zu erkennen.
Die wichtigsten Entwicklungen sieht Reisner deshalb auf strategischer Ebene. Die Ukraine habe ihre Drohnenproduktion in den vergangenen Monaten massiv ausgeweitet. Mit westlicher Unterstützung sei Kyjiw inzwischen in der Lage, fast täglich Ziele tief im russischen Hinterland anzugreifen. "Das setzt Russland zunehmend unter Druck."
Auch Putins Generäle setzen auf immer größere Drohnenangriffe: "Beide Seiten versuchen damit, den Gegner dort zu schwächen, wo an der Front selbst kaum Bewegung möglich ist."
Eine Schlüsselrolle spielt laut Reisner die Krim. Die Ukraine versuche heute im Kern dasselbe Ziel zu erreichen wie bei ihrer gescheiterten Gegenoffensive 2023 – nur mit anderen Mitteln. Damals wollte die Ukraine mit Bodentruppen die russischen Versorgungswege zur Krim durchtrennen. Heute geschieht das zunehmend mit Drohnenangriffen.
"Die Angriffe konzentrieren sich auf Nachschublinien, Treibstofflager und logistische Knotenpunkte. Ziel ist es, die Versorgung der russischen Truppen auf der Krim so stark zu beeinträchtigen, dass Russland operativ unter Druck gerät." Erste Folgen sind bereits messbar. Auf der Krim kommt es zu Treibstoffengpässen, Diesel und andere Ressourcen werden teilweise rationiert.
"Das ist jetzt vielleicht noch nicht kritisch, aber das schmerzt Russland zunehmend." Für Reisner ist deshalb klar: Die Ukraine kann derzeit durchaus militärische Erfolge vorweisen – solange man sie nicht mit einem unmittelbar bevorstehenden russischen Zusammenbruch verwechselt.
"Ich betone immer, dass militärische Erfolge messbar sein müssen. Messbar ist beispielsweise, dass die russischen Vorstöße deutlich langsamer geworden sind als noch vor einigen Monaten. Messbar sind auch die Versorgungsprobleme auf der Krim. Das bedeutet nicht, dass Russland plötzlich in einer Krise steckt oder kurz vor einer Niederlage steht. Aber die Ukraine erzielt Ergebnisse, die sichtbar und nachvollziehbar sind", so der Kriegsbeobachter.
Eine immer größere Rolle spielen dabei neue Technologien. Besonders der Einsatz von Künstlicher Intelligenz verändert laut Reisner die moderne Kriegsführung. KI komme nicht nur in Drohnen zum Einsatz, die Ziele zunehmend selbstständig finden können. Auch bei der Auswertung von Satellitenbildern und der Zielplanung werde sie wichtiger.
"Systeme wie Palantir oder andere Analyseplattformen helfen nachweislich dabei, riesige Datenmengen auszuwerten und Angriffsfenster zu identifizieren. Dadurch entsteht eine neue Qualität der Kriegsführung. Ich würde zwar noch nicht von einer Revolution sprechen. Aber wir erleben definitiv einen weiteren Evolutionsschritt in der modernen Kriegsführung."
Reisner sieht nicht nur Kyjiw, sondern auch Moskau unter erheblichem Zeitdruck. Präsident Wolodymyr Selenskyj müsse bis zum Winter Ergebnisse erzielen, weil Russland dann voraussichtlich erneut massive Angriffe auf die ukrainische Energieinfrastruktur starten werde.
Gleichzeitig müsse auch Russland die ukrainischen Attacken auf kritische Infrastruktur eindämmen. Gelinge das nicht, könnten die wirtschaftlichen Schäden langfristig deutlich zunehmen. "Beide Seiten versuchen deshalb, die kommenden Monate für sich zu nutzen."
Von einem entscheidenden Wendepunkt will Reisner dennoch nicht sprechen. Der Krieg habe gezeigt, dass beide Seiten immer wieder Wege finden, sich an neue Entwicklungen anzupassen – bei Drohnen, elektronischer Kriegsführung und nun möglicherweise auch bei Künstlicher Intelligenz.
"Eine Seite entwickelt einen Vorteil, die andere findet früher oder später eine Antwort darauf. Deshalb wäre ich vorsichtig mit Prognosen über einen entscheidenden Wendepunkt."
Die größte strategische Unbekannte sieht Reisner in der nuklearen Dimension des Krieges. Russland habe in der Vergangenheit immer dann, wenn es besonders stark unter Druck geraten sei, mit nuklearer Abschreckung gearbeitet.
Dabei gehe es nicht zwingend um den tatsächlichen Einsatz von Atomwaffen. Oft reichten bereits Drohungen aus dem Kreml oder Demonstrationen neuer Waffensysteme, um politischen Druck auf den Westen aufzubauen. Stichwort: Oreschnik.
"Der Westen steht dabei vor einem Dilemma. Einerseits möchte man verhindern, dass Russland gewinnt. Andererseits möchte niemand – besonders nicht in Washington – Russland so weit in die Enge treiben, dass unkontrollierbare Eskalationen entstehen."
Genau das werde in der Debatte derzeit zu wenig beachtet, warnt Reisner. "Das ist aus meiner Sicht der eigentliche Elefant im Raum, der in letzter Zeit viel zu selten diskutiert wird. Denn jede langfristige Strategie für die Ukraine muss diese nukleare Dimension mitdenken. Sonst lässt sich dieser Krieg nicht verstehen."
Die Ukraine setzt Russland also sichtbar unter Druck. Doch Reisner macht klar: Von einem sicheren Wendepunkt ist der Krieg weit entfernt. Moskau leidet unter den Angriffen, kann sich aber weiterhin anpassen – und besitzt mit der nuklearen Drohkulisse ein Mittel, das den Westen politisch unter Druck setzen kann.