Heftige Explosionen erschütterten Kyjiw die ganze Nacht hindurch. Wladimir Putins Armee hat einen Großangriff auf die ukrainische Hauptstadt gestartet. Präsident Wolodymyr Selenskyj spricht in einer Stellungnahme von 90 Raketen und Marschflugkörpern unterschiedlichen Typs, sowie 600 Drohnen. Die ukrainische Luftwaffe gibt an, 604 Ziele abgewehrt zu haben – "leider wurden nicht alle ballistischen Raketen abgefangen."
Zwischen Mitternacht und 10 Uhr vormittags (MESZ) wurden bislang mindestens 83 Verletzte bestätigt. Es gibt auch vier Todesopfer. Zwei Tote gab es direkt in der Hauptstadt, zwei weitere in der umliegenden Region, wie Gouverneur Mykola Kalaschnyk mitteilte.
Der Angriff traf Wohnhäuser, Büros und Schulen an über 40 Stellen in der Hauptstadt. Die Fassade eines fünfstöckigen Wohnhauses stürzte ein, auch am berühmten Unabhängigkeitsplatz Maidan und im Foyer einer U-Bahn-Station kam es zu Schäden.
"Es war eine schreckliche Nacht für Kyjiw", sagte Bürgermeister Vitali Klitschko. Nach Sonnenaufgang lag schwarzer Rauch über der Stadt. Reporter berichteten von einem beißenden Geruch in der Luft. Viele Bewohner waren in den Luftschutzkellern einer Schule und eines Geschäftszentrums eingeschlossen, weil Trümmer die Ausgänge blockierten.
Die russische Armee soll dabei auch ihren "Wunderwaffe" – die Hyperschallrakete "Oreschnik" (dt. "Haselnussstrauch") eingesetzt haben. Der deutsche Sicherheitsexperte Nico Lange bestätigt, den Einsatz anhand vorhandenen Bildmaterials eingesetzt wurde. Seinen Angaben nach dürfte sie mit einem leeren Test-Sprengkopf versehen gewesen sein.
Das russische Verteidigungsministerium rechtfertigte den Einsatz als Antwort auf die "terroristischen Angriffe" der Ukraine auf zivile Ziele in Russland. Neben der Oreschnik sollen auch die Systeme Iskander, Kinschal und Zirkon verwendet worden sein.
Selenskyj greift in seiner Videobotschaft den Kreml-Kriegstreiber verbal frontal an: "Putin kann nicht einmal mehr das Wort 'Hurra' deutlich aussprechen – er lallt und murmelt –, und doch zerstört er weiterhin Wohnhäuser mit seinen Raketen. Er hat drei russische Raketen auf eine Wasserversorgungsanlage abgefeuert. Einen Markt niedergebrannt. Dutzende Wohnhäuser beschädigt. Mehrere ganz normale Schulen getroffen. Seine 'Oreschnik'-Rakete auf Bila Zerkwa [Stadt nahe Kyjiw, Anm.] abgefeuert... Die sind wirklich völlig durchgedreht."
Der ukrainische Präsident hofft auf internationale Hilfe, um den Druck auf Putin weiter zu erhöhen: "Es ist wichtig, dass dies für Russland nicht ohne Folgen bleibt. Es sind Entscheidungen erforderlich – seitens der Vereinigten Staaten, Europas und anderer – damit der alte 'Oreschnik' in Moskau endlich das Wort 'Frieden' in den Mund nimmt."
Die Oreschnik-Rakete, die Moskau auch in Belarus stationiert hat, sorgt für große Unruhe in Europa. Sie kann sowohl mit konventionellen als auch mit atomaren Sprengköpfen bestückt werden. Mit einer Geschwindigkeit von bis zu 12.000 Kilometer pro Stunde und einer Reichweite von bis zu 5.000 Kilometer gilt sie als ernstzunehmende Bedrohung für den ganzen Kontinent.
Wie NTV berichtet, wurde die Rakete bereits zweimal bei Luftangriffen auf die Ukraine eingesetzt: Einmal in Dnipro im Südosten des Landes, damals ohne Sprengkopf, und zuletzt im Jänner in der Westukraine. In Russland wird die Oreschnik als "Wunderwaffe" oder gar "Superwaffe" gefeiert.