Heftige Explosionen erschütterten Kyjiw die ganze Nacht hindurch. Russland attackierte die ukrainische Hauptstadt mit Kampfdrohnen, Marschflugkörpern und ballistischen Raketen. Nach vorläufigen Behördenangaben wurde dabei ein Mensch getötet, mindestens 20 weitere wurden verletzt.
Bürgermeister Vitali Klitschko berichtete von Schäden in jedem Bezirk der Stadt. Im Bezirk Schewtschenkiwsky wurde eine Schule getroffen, wo ein Brand ausbrach. Wegen eines Feuers in einem Geschäftszentrum saßen Menschen in einem Schutzraum fest.
Dutzende Bewohner Kyjiws suchten in einer Metro-Station im Stadtzentrum Zuflucht. Der Chef der Kyjiwer Militärverwaltung, Tymur Tkatschenko, sprach von einem massiven Angriff mit ballistischen Raketen, der Brände und Schäden an Wohngebäuden verursacht habe.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte bereits am Samstagabend vor einem schweren Luftangriff gewarnt. Ihm lägen Geheimdienstinformationen vor, wonach Russland einen Angriff mit der neuartigen Oreschnik-Hyperschallrakete vorbereite. Auch die US-Botschaft in Kyjiw warnte vor einem bedeutsamen Angriff innerhalb von 24 Stunden.
Die Oreschnik ist eine atomwaffenfähige Mittelstreckenrakete, die laut Kreml über 12.000 Kilometer pro Stunde schnell ist. Putin behauptet, moderne Luftabwehrsysteme könnten sie nicht abfangen. Die Rakete wurde bisher zweimal mit konventionellen Sprengköpfen gegen Ziele in der Ukraine eingesetzt.
Sonntagmorgen meldete er sich zum nächtlichen Großangriff auf die Hauptstadt zu Wort: "Der Angriff war heftig – 90 Raketen verschiedener Typen, darunter 36 ballistische, und 600 Drohnen. Leider wurden nicht alle ballistischen Raketen abgefangen. Rettungskräfte und Hilfsdienste sind seit letzter Nacht überall im Einsatz. Mindestens 83 Menschen wurden seit Tagesbeginn verletzt. Leider gibt es auch Todesopfer", so Selenskyj.
Auch andere Städte seien Ziel einzelner Angriffe geworden: Eine "Oreschnik" wurde demnach auf Bila Tserkva, 80 Kilometer südwestlich von Kyjiw, abgefeuert. Der ukrainische Präsident schießt in Richtung Kreml zurück: "Es ist wichtig, dass dies für Russland nicht ohne Folgen bleibt. Putin kann das Wort 'Hurra' nicht mehr richtig aussprechen – er nuschelt nur noch – und zerstört weiterhin Wohngebäude mit seinen Raketen."
Und weiter: "Die Welt sollte klar erkennen, mit wem wir es zu tun haben. Wir tun alles, um Frieden zu schaffen und die Menschen zu schützen. Und es ist wichtig, dass die Ukraine nicht allein ist. Wir brauchen Entscheidungen der Vereinigten Staaten von Amerika, Europas und anderer Staaten, damit dieser alte Knacker in Moskau endlich das Wort 'Frieden' ausspricht."
Hintergrund des Angriffs ist ein ukrainischer Drohnenschlag auf die russisch besetzte Region Luhansk. Dabei wurde eine Fachhochschule samt Studentenwohnheim in Starobilsk getroffen. Mindestens 18 Menschen, zumeist junge Frauen, kamen ums Leben. Putin hatte Kyjiw daraufhin Vergeltung angedroht.
Die Ukraine ihrerseits attackierte den strategisch wichtigen Hafen von Noworossijsk am Schwarzen Meer. Dort brach ein Feuer in einem Öldepot aus. Der Hafen ist der größte russische Exportknotenpunkt am Schwarzen Meer – rund ein Fünftel der russischen Rohöllieferungen per Schiff wird dort abgewickelt.