Auch im 5. Jahr des Kriegs gibt es immer noch zwei Direktzüge von Österreich in die Ukraine, einer davon nachts. Der Dacia-Express bringt täglich Reisende nach Rumänien. Von vielen unbemerkt hängen hinten noch zwei weitere Kurswägen dran: Einer nach Kiew und einer nach Uzhhorod.
Einstieg am Wiener Hauptbahnhof, also genau dort, wo im Frühjahr 2022 tausende geflüchtete Menschen ankamen. Gute elf Stunden später wacht man mitten im Krieg auf. Das stundenlange Umspuren – in der Ukraine wird eigentlich auf russischer Breitspur gefahren – gehört mittlerweile der Vergangenheit an. Seit Kurzem gibt es parallel verlaufende Gleise in europäischer Normalspur, die von der Grenze bis nach Mukatschewo führen. Finanziert von der EU soll man so bald bis nach Lviv fahren können.
Auf die Minute genau pünktlich rollt der Zug im Bahnhof von Uzhhorod ein. "Krieg ist keine Ausrede für Verspätung" ließ der ukrainische Bahnchef vor Kurzem in Interviews verlautbaren. Immer noch schafft der größte Arbeitgeber des Landes eine Pünktlichkeitsrate von 95 Prozent im nationalen Fernverkehr. Darauf sind die Ukrainer auch stolz.
Trotz der ständigen Gefahr durch russische Angriffe haben die 200.000 Eisenbahner das Netz stets funktionsfähig gehalten, dadurch unzählige Leben gerettet und nicht selten mit dem eigenen bezahlen müssen. Genau dazu gab es unlängst am Wiener Hbf auch eine Ausstellung: Der Foto-Band "Iron People" erzählt davon. Auch der Film "Lifeline" greift das Thema auf und hat damit zahlreiche Preise gewonnen.
In Uzhhorod fährt der Zug – interessanterweise sind es Waggons der slowakischen Bahn, obwohl kein Meter durch die Slowakei führt – um 6.25 Uhr ein. Eine Uhrzeit, zu der die Stadt noch schläft. 120.000 Einwohner zählte die Hauptstadt des Oblast Transkarpatien, der in seiner Geschichte erst ungarisch, dann rund 400 Jahre bis 1918 österreichisch war.
Um dieses historische Erbe zu bewahren, gibt es noch heute eine blühende Kaffeehauskultur mit vielen Röstereien und modernen Cafés. Die Speisekarte wird standardmäßig nur mehr per QR-Code gelesen, über den auch bezahlt (und die Rechnung zwischen mehreren Gästen aufgeteilt) werden kann. Digital ist die Ukraine hier Österreich weit voraus. Man kann tagelang unterwegs sein, ohne ein einziges Mal Bargeld zu benötigen.
Architektonisch könnte die Innenstadt genau so gut in Ungarn, der Slowakei oder dem Osten Österreichs stehen. Durchbrochen wird das vertraute Straßenbild nur von sowjetischen Amtsgebäuden, vor denen EU-Flaggen wehen, orthodoxen Kathedralen oder den transkarpatischen Holzbauten im Freilichtmuseum hinter der Burg.
In den Sehenswürdigkeiten und Museen der Stadt ist wenig los. Dutzende ältere Frauen bevölkern die Räume, sitzen im Dunkeln und drehen hastig das Licht auf, sobald man die Tür durchschreitet. Manche sind schweigsam, andere plappern direkt drauflos – aber leider nur auf Ukrainisch. Touristen gibt es dieser Tage keine, und wenn, dann sind es größere Reisegruppen aus anderen Landesteilen.
Auf den Straßen selbst wirkt das Leben normal, bis auf den Umstand, dass man fast nur Frauen, Kinder und ältere Leute sieht. Vom Krieg merkt man hier in den Fußgängerzonen nichts, weiter am Stadtrand ebenso wenig. Abends in der lokalen Brauerei "Ungweiser" sind wir jedoch bis auf einen anderen Tisch die einzigen Gäste, die im Keller gebrautes Bier um 1,50 Euro pro Krügerl trinken und den Alkohol mit Kremzlyks (Kartoffelpuffer) aufsaugen.
Die erste Nacht war ruhig, am zweiten Tag ging es mit dem Zug in die zweite große Stadt Transkarpatiens, Mukatschewo. Die Fernverkehrszüge sind oft ausgebucht, doch es gibt auch zwei Regionalzüge am Tag. Für die 40 Kilometer zwischen den Städten muss eine große Schleife inklusive Richtungswechsel gefahren werden, dafür kostet die zwei Stunden lange Fahrt nur 78 Cent – Fahrpläne und Tickets gibt es natürlich über die App.
Mukatschewo hat die Burg Palanok zu bieten. Sie wurde, wie praktisch alle Burgen in der Region, von den Ungarn als Schutz vor den Mongolen errichtet. In der Innenstadt gibt es große Flaniermeilen mit üppigen Blumenbeeten, die Stimmung ist bei strahlendem Sonnenschein wieder nicht vom Rest Europas unterscheidbar.
Doch kurz vor 15 Uhr erdröhnt plötzlich ein lauter Alarm am Handy: "Achtung! Luftalarm in Ihrem Gebiet. Begeben Sie sich zum nächsten Schutzraum." Über einen Telegram-Bot wird man vom aktuellen Standort zum nächsten Bunker gelotst. Aber: Keiner der anderen Menschen auf der Straße reagiert. Alles geht weiter, als wäre nichts gewesen.
Verunsichert setzen wir uns in einen Park am Fluss, weit entfernt von Brücken und Gebäuden. Nichts passiert. Ein anderer Telegram-Bot trackt unterdessen im Sekundentakt die Einschläge der Drohnen und Raketen. "Explosionen in Chmelnyzkyj", "Start einer MiG-31K der russischen Luftwaffe", "2 Marschflugkörper von Berezany in Richtung Ukrainka/Trypillya/Wassylkiw".
Es sollten insgesamt rund 1.600 Drohnen und 60 Raketen werden, doch das wusste zu diesem Zeitpunkt noch niemand. Raketenalarme gibt es alle paar Tage, und bisher gab es einfach noch keine Treffer. Dementsprechend ging das Leben weiter, wie die letzten vier Jahre auch – ein surrealer Anblick.
Nur größere Supermärkte und der Bahnhof wurden gesperrt, die Türen der Schutzräume geöffnet, die Menschen warteten am Vorplatz ab. Das Ziel des Großangriffs war Kiew, wo ein Wohnblock getroffen wurde und in Folge einstürzte. Dutzende Menschen starben.
Am gesamten Staatsgebiet herrschte mittlerweile Luftalarm. Auch am Abend erdröhnten mehrmals die Sirenen. Wie erwartet, war es auch um 03.00 Uhr früh so weit. Man liegt dann halbwach im Bett, aktualisiert im Sekundentakt Telegram, schaut, wie weit die Einschläge entfernt sind und kann nur hoffen, dass sich keine hierher verirrt.
Am nächsten Morgen, wieder bei strahlendem Sonnenschein, von alledem keine Spur. In der griechisch-orthodoxen Kirche fand eine große Christi-Himmelfahrt-Messe statt, die Straßen waren voller Leben, die Stimmung unbeschwert. Weil es jetzt erstmals aber auch Uzhhorod getroffen hat, ist der Nachtzug nach Wien zurück ausgefallen. Auch eine Woche später fährt er nur mehr bis in die Grenzstadt Chop. Wir bekommen Anrufe der österreichischen Botschaft in Kiew, später noch ein Mail: Ob alles gut ist, wir Hilfe brauchen, wann wir denn wieder ausreisen.
Das war auch das Stichwort: Jetzt hieß es, irgendwie einen Weg zurück zu organisieren. Die Slowakei hatte zwischenzeitlich die Grenzen geschlossen, ob andere Züge als unserer über Ungarn zurückfahren, war fraglich. Ein kurzer Chat mit der slowakischen Bahn konnte aber bestätigen, dass zumindest dorthin Züge fahren. Die Rückreise musste also gut sieben Stunden früher als geplant angetreten werden.
Zuerst noch kurz ins Freilichtmuseum, in dem die meisten Gebäude aus dem 19. Jahrhundert ebenso gut in Österreich hätten stehen können. Danach ein letztes Bier im sonnigen Gastgarten und mit einem modernen Fernverkehrszug an die Grenze nach Chop. Dort galt es, vier Stunden rumzubringen.
Eine halbe Stunde vor Abfahrt des slowakischen Zugs muss man im Bahnhof die Pass- und Zollkontrolle durchlaufen. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf Alkohol, Zigaretten und Fleisch. Sowohl bei der Ein- als auch bei der Ausreise stellten die Grenzbeamten keine einzige Frage, so ungewöhnlich ein Tourist dieser Tage auch ist. Wahrscheinlich lag es an mangelnden Englisch-Kenntnissen.
Im Zug selbst findet eine weitere Zollkontrolle, diesmal von slowakischen Beamten, die zahlenmäßig die Passagiere überflügeln, statt. Wieder wird nach großen Mengen Alkohol und Zigaretten gesucht, vergeblich.
Spenden über die Caritas sind unter wirhelfen.shop/ukraine möglich.
Nach zweieinhalb Stunden kommt der Zug in Kosice an, eine Stunde später fährt eine normale Garnitur ein Mal quer durchs Land nach Bratislava. Die Nacht wird statt im Schlaf im Sitzen verbracht. Und um 7 Uhr, nach 14 Stunden langer Fahrt für 440 Kilometer Luftlinie, macht sich in Wien dann doch Erleichterung breit.