In dem durchgesickerten Powerpoint-Dokument heißt es wörtlich: "Wir müssen wissen, wann Schluss ist. Zu viel ist eine Niederlage." Das Papier stammt laut 20 Minuten direkt aus den höchsten Kreisen der russischen Bürokratie. Es beschreibt, wie das russische Volk ein Kriegsende akzeptieren könnte.
Aber plant Putin wirklich das Kriegsende – und das, ohne alle seine Ziele zu erreichen? Ganz so einfach ist es nicht. Denn gleichzeitig warnt der deutsche Politologe Joachim Krause vor Anzeichen, dass Moskau einen Angriff auf NATO-Länder in Erwägung zieht. Die Signale aus Russland könnten widersprüchlicher kaum sein.
Das russische Oppositionsportal "Dossier" berichtete zuerst über das geleakte Papier. Die Präsentation dürfte laut Angaben vor dem Kreis um Ex-Premier Sergei Kiriyenko gehalten worden sein. Aus dessen Umfeld in der Präsidialverwaltung heißt es, man sei "ernsthaft besorgt" über den Ausgang der sogenannten "Spezialoperation".
"Putin hat den Westen gebeugt. Wir haben die Pläne des Westens, den Konflikt auszuweiten und zu verlängern, vereitelt", so eine zentrale Botschaft der Präsentation, wie "Dossier" berichtet. Der Krieg soll als Sieg über den kollektiven Westen dargestellt werden. Besonders die Gebietsgewinne im Donbas und die Landverbindung zur Krim werden hervorgehoben.
Die Medien sollen mit positiven Geschichten über heimkehrende Veteranen überflutet werden. Auch Erzählungen darüber, wie Firmen die Sanktionen gemeistert und trotzdem zugelegt haben, sollen dominieren. Die sogenannte "Z-Community" – also besonders radikale Kriegsbefürworter – wird als Problem gesehen. Für sie ist eine "Umerziehung" vorgesehen, die Präsenz der Z-Blogger in den Medien soll zurückgedrängt und die Radikalsten an den Rand gedrängt werden.
Laut SRF wurde das geleakte Papier vermutlich ohne Wissen von Putin in der Präsidialverwaltung erstellt. Das könnte ein Zeichen für einen Machtkampf in der russischen Führung sein: Während die eine Seite auf ein Ende des Krieges drängt, halten die Hardliner dagegen.
Auch Politologe Joachim Krause sieht das so. Seiner Meinung nach ist die "Kriegspartei" allerdings im Vorteil. Da Europa zwar aufrüstet, aber noch nicht viel erreicht hat, und Trump US-Truppen aus Europa abzieht, glaubt diese Gruppe, dass jetzt ein guter Zeitpunkt für einen Angriff gekommen ist.
"Ich gehe davon aus, dass in diesen Tagen in Moskau ernsthaft die Option geplant wird, in Absprache mit China NATO-Staaten militärisch anzugreifen, um die Unterstützung der Ukraine zu schwächen. Betroffen wären die baltischen Staaten, Schweden, Finnland, Polen sowie Deutschland. In der Hauptsache hätten wir mit Raketen- und Drohnenangriffen zu rechnen sowie mit begrenzten Landnahme-Operationen im Baltikum", so Krause.
"Die militärische Spezialoperation neigt sich langsam dem Ende zu", sagte Putin selbst nach der Siegesparade zum Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs. Beobachter haben zudem registriert, dass er in den letzten Wochen seine Rhetorik gegen Europa etwas zurückgenommen hat.
Doch die Zeichen aus dem Kreml waren noch nie leicht zu deuten. Putin hat das autokratische Herrschen perfektioniert, wie "Foreign Policy" analysiert. Wenn es ihm hilft, lässt er sogar kontrollierte Oppositionelle zu Wort kommen oder spielt verschiedene Lager gegeneinander aus, um selbst an der Macht zu bleiben.